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Die Reise in eine kleine Welt (6)

31.03.2010
  
  
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Die Reise in eine kleine Welt: Globin und Poietin ist ein Märchen von Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz vom Schweizer Institut für Bioinformatik. Die Autoren nehmen uns mit auf die Reise durch den Körper der elfjährigen Lili. Sie leidet an Blutarmut und bekommt ein Medikament namens Erythropoietin verabreicht. Dieser Stoff regt das Knochenmark dazu an, neue rote Blutzellen zu produzieren. Aber Lili ist ungeduldig und trinkt das Medikament, obwohl es eigentlich gespritzt werden muss. Und so erlebt das (Erythro-)Poietin einige Abenteuer auf dem Weg vom Magen zum Knochenmark.


Das Märchen veröffentlichen wir in mehreren Teilen. Falls ihr neu einsteigt, lest doch zuerst Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

Diese Woche Teil 6: Lily’s Haut. 

Die Reise in eine kleine Welt

 

Die Abenteuer von Globin und Poietin

 

 

Text und Illustrationen:

Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz

 

Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics

 

Übersetzt ins Englische von Vivienne Baillie Gerritsen

Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von CVB International

Originaltitel: « Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge »

© 2003 Vivienne Baillie Gerritsen, Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics,

ISBN 2-9700405-2-2

 

Das Buch "Journey into a tiny world" ist auf Englisch und Französisch erhältlich.

 

Die beiden Moleküle zogen sich an einer Zelle hoch und plumpsten rein.
„Und?“
„Und was?“ fragte Poietin.
„Na, wie findest du diesen Transport?“ wollte Globin wissen. „Cool, was?“
„Vielleicht ... mir ist aber ein bisschen Zellen-schlecht ...“
„Das kommt, weil du das nicht gewöhnt bist.“ Globin reckte und entspannte sich. „Schön bequem auch ...“ Sie gähnte laut. „Ich könnte ein Nickerchen gebrauchen. Du auch?“ Poietin, die immer noch etwas blass war, nickte kleinlaut.
„Pass auf!“ schrie Poietin.
„Was!?“


Aber bevor Globin wusste, was los war, kamen sie zu einer Kreuzung, wo sich von der Aorta kleine Adern abzweigten. Globin konnte sich an der Zelle festhalten, aber Poietin wurde rausgeschmissen und verschwand. Kurz darauf kam sie wieder, schnappte nach Luft und wurde in eine enge Ader gerissen. Globin, die immer noch in der Zelle war, verschwand in der Aorta. „Poietin!“ schrie sie. „Poietin!“ Aber sie bekam keine Antwort. Entsetzt rannte sie hinter ihr her und sprang von Zelle zu Zelle gegen den Strom. Ganz außer Atem erreichte sie die Kreuzung, an der Poietin zum ersten Mal verschwand, und schaffte es, auf die andere Seite der Kreuzung zu springen und sich von der Strömung durch die kleinere Ader tragen zu lassen.

Hier war es dunkel. Einsam. Und eng. Und die Reise schien unendlich.
„Hey!“
Globin drehte sich um, von wo die Stimme herkam.
„Hier! Ich bin hier!“
Es war Poietin. Globin konnte sie nicht sehen, aber ihre Stimme schien von einem blendenden Licht zu kommen. Sie fand Poietin sitzend auf dem Rand von etwas, das rosa und weich war. Ihre Füße hingen über einer Kluft, die umgeben war von langen, schlanken Pfeilern, die in der kühlen Brise wehten. „Das ist doch wunderhübsch, Globin?“ staunte Poietin. „Nicht wahr?“
„Ja... und eine kühle Brise dazu ... Wir bleiben hier lieber nicht zu lange. Poietin ...“ kündigte Globin an.
„Warum denn nicht? Du musst immer den Spaß ver...“

Eine tiefe, bedrohliche Stimme unterbrach sie und brüllte: „Hey, ihr beiden! Dies ist doch kein Platz zum Sonnenbaden! Ihr seid auf einer Baustelle! Haut ab! Schnell!“
„Wer...?“ schluckte Poietin.

 

„Sei ruhig und renn!“ zischte Globin. „Wir haben jetzt keine Zeit zum Fragenstellen!“

 

Aber Poietin war fasziniert. Was auch immer es war, es war dreimal so hoch wie sie und kam auf sie zu in einem angsteinflössenden Tempo. „Beweg dich, Poietin!“ schrie Globin. „Das ist Collagen! Der hat nie gute Laune. Das heißt, eigentlich hat er immer ganz schlechte Laune.“
„Aber was ist denn los mit ihm?“ fragte Poietin. „Stören wir ihn denn, oder was?“

„Ja, guck doch mal, beweg dich und ich beantworte deine Frage, wenn wir in Sicherheit sind.“
„Was baut er denn?“ Poietin wollte nicht weg.
Entnervt marschierte Globin wieder zurück dorthin, wo Poietin immer noch saß.
„Hast du denn keine Ahnung, wo wir sind?“ Poietin schüttelte den Kopf. „Du sitzt am Rande einer Wunde.“ Poietin sprang auf. „Das war also das helle Licht. Das ist das Licht auf der anderen Seite von Lilis Haut. Das ist Tageslicht ... Wir stehen auf der Außenseite von Lili ...“
„Wow ... das ist cool ...“
„Cool oder nicht, Poietin, es ist gefährlich hier ...“
„Was ist mit den hängenden Seilen?“ fragte Poietin, die immer noch nicht auf Globins Warnung hörte.
„Das sind keine Seile. Das sind Haare... und dies hier ...“ Globin berührte das Weiche, auf dem sie eben noch saßen. „Dies ist Lilis Haut.“
„Oooooh... die ist so schön weich und sanft. Ich wünschte, ich wäre aus Haut gemacht.“
„Das ist doch nur, weil es Lilis Haut ist. Nicht jede Haut ist so schön und glatt wie ihre.“
„Warum nicht?“
„Darum nicht!“
„Welche Haut ist denn nicht so glatt?“
„Die von einem Elefanten zum Beispiel. Oder sogar die von Lilis Mutter, je älter man wird, um so weniger weich wird sie. Und dann vergiss nicht die Falten ...“
„Falten?“
„Ja, Falten. Die sind wie kleine Graben, die deine Haut durchlöchern. Geh bloß nicht in einer Falte verloren, Poietin. Da kommst du nie wieder raus!“
„Ach so ...“ Poietin verstand es nicht, glaubte aber, dass es egal war. „Was macht Collagen denn hier?“
„Nun, wegen ihm ist Lilis Haut stark und widerstandsfähig. Wenn sie ein Loch in ihre Haut bekommt ...“
„Ein Loch? Wieso würde sie sich ein Loch holen?“
„Das macht sie doch nicht mit Absicht! Aber wenn sie vom Fahrrad fällt und sich das Knie verletzt, dann gibt das eine Wunde. Und eine Wunde muss man so schnell wie möglich wieder reparieren.“
„Warum?“
Globin rollte die Augen. „Wenn eine Wunde nicht verheilt, dann läuft zu viel Blut raus.“
„Aha, und Lilis Haut ist nur da, um zu verhindern, dass das Blut ausläuft?“
„Nicht nur das... Es sorgt auch dafür, dass eklige Wesen nicht rein können, so wie die Bakterien, die liebend gerne ihr Blut infizieren. Und Lilis Haut ist voll davon.“
„Igitt!“
„Solange sie außerhalb von Lilis Haut bleiben, ist sie okay. Nur, wenn sie unter die Haut kommen, kann sie sehr krank werden. Deshalb muss die Wunde so schnell wie möglich zugemacht werden!“
„Ich verstehe ...“ Poietin schaute sich herum. „Und ich sehe Collagen ...“
„Raus hier! “dröhnte Collagen. „außer, natürlich, ihr wollt hier mit uns festsitzen ...“
„O nein!! Schnell Poietin! Oder wir bleiben in der Kruste stecken!“ schrie Globin voller Angst und sie schnappte sich Poietin.
„Das ist wahrscheinlich keine gute Zeit, um zu fragen ...“ sagte Poietin ganz lieb.
„Fragen, was?“ fragte Globin ärgerlich.
„... um Collagen nach dem Weg zu Lilis Gehirn zu fragen ...“
„Das kann doch wohl nicht war sein, Poietin!“ Globin wandte sich an Collagen. „Hilf uns bitte, Collagen!“ Collagen hob beide Proteine auf und warf sie weit weg von der Wunde in eine andere Blutader.
„Puh, das war knapp!“seufzte Globin erleichtert auf. „Wir hätten auch für immer gefangen sein können!“
Poietin war verwirrt. „Wie denn? Ich verstehe das nicht!“
„Verstehst du überhaupt was?“ meckerte Globin. „Hast du noch nie was gelernt, Poietin?“
„Doch, aber nicht das, was du gelernt hast, “ antwortete Poietin verärgert.
„Das stimmt ...“ sagte Globin nachdenklich. „Verstehst du, wenn die Haut eine Wunde hat, muss sie nicht nur ganz schnell geflickt werden, sondern das Blut muss auch koagulieren, sonst verliert Lili zu viel.“
„Und was bedeutet ‚gulieren‘?“
„Nicht ‚gulieren‘ du Dummchen! Koagulieren, oder Blutgerinnung, das passiert, wenn das Blut härter und härter wird und wie ein Korken wird, so dass kein Blut mehr aus der Wunde fließen kann.“
„Und wie ‚ko...a...gult ‘ das Blut?“
„Koagulation ist wie ein großes Netz, das sich im Blut formt und alle roten Blutzellen einfängt.“
„Und wo kommt das Netz her?“
„Oh, das ist Fibrin, der das Netz macht. Und wenn wir hier noch länger geblieben wären, dann hätten wir in Fibrins Netz festgesessen.“
„Und würden nicht flüchten können?“
„Nein, niemals.“ Globin überlegte, „da kriegste Gänsehaut, was?“
„Was für Haut?“
„Ist auch egal, “ sagte Globin ungeduldig.
„Glaubst du, das wir es überhaupt schaffen, Globin?“ Poietin war jetzt nicht mehr so zuversichtlich.
„Weiß nicht ... Wir haben es nicht mal geschafft, Collagen zu fragen, wo das Knochenmark ist...“
„Und wo gehen wir jetzt hin?“ fragte Poietin.
„Wenn wir weiter in diese Richtung gehen, kommen wir bei Lilis Gehirn an.  Das ist das beste Informationszentrum, das wir je zu sehen bekommen.“ Poietin nickte und die beiden Proteine gingen stillschweigend los.

 

Weiter zm siebten Teil...

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