Studenten entwickeln Android-Apps

Die beiden Informatikstudenten Jorim Jaggi (links) und Selim Cinek haben in ihrer Freizeit eine Fahrplan-Applikation für Android-Smartphones entwickelt. (Bild: Samuel Schlaefli/ETH Zürich)
Android ist neben iOS für das iPhone eines der populärsten Betriebssysteme für mobile Geräte. Zwei Studententeams der ETH Zürich haben für Android-Smartphones Applikationen programmiert - die eine für mobile Reiseplanungen, die andere für den perfekten «Usgang»
Die Idee entstand aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Jorim Jaggi nutzte auf seinem Android-Smartphone (siehe Kasten) schon länger eine Applikation zur Fahrplanabfrage und dachte sich irgendwann: «Das kann man besser machen.» Der 21-jährige Informatikstudent im zweiten Semester mobilisierte zwei Kollegen und begann mit der Programmierung einer entsprechenden Software-Applikation, einer sogenannten App. Drei Monate und unzählige Arbeitsstunden neben dem Studium später steht ihre Applikation nun allen Android-Nutzern kostenlos zur Verfügung.
GPS für den Weg zur nächsten Haltestelle
Eine offizielle Fahrplan-App der SBB gibt es bereits für das iPhone, nicht aber für das Betriebssystem Android. Jaggi fragte deshalb bei der SBB für eine Zusammenarbeit an, diese zeigte aber kein Interesse am Projekt. Trotzdem hielt er am Ziel fest, eine App zu entwickeln, die gegenüber den bestehenden Fahrplan-Apps eine Reihe von Vorteilen bietet. Dafür machten sich er und seine Freunde unter anderem die Möglichkeit zur Positionsbestimmung über geographische Daten der umliegenden Signalantennen oder über die GPS-Funktion der Geräte zunutze.
Mit der App kann man sich zum Beispiel anzeigen lassen, wo die nächste Busstation liegt oder wo das gewünschte Tram beim Zürcher Hauptbahnhof abfährt. Dazu brauchte Jaggi die Koordinaten sämtlicher Schweizer Bus-, Tram-, Zug- und Schiff-Haltestellen. Diese fand er auf der Website des Bundesamts für Verkehr, wo sämtliche Koordinaten und Höhenmeter von Schweizer Haltestellen – 30'000 insgesamt – in einem Excelfile hinterlegt sind.
Jaggi und sein Kollege Selim Cinek opferten eine Woche Semesterferien, um die Daten zuerst in ein internationales Koordinatensystem zu übersetzen, die Koordinaten für eine neue Datenbank umzuformatieren und alles in die App zu implementieren. Heute kann man sich über eine Kopplung mit Google-Maps in wenigen Sekunden den schnellsten Weg zur gewünschten Tram- oder Zugstation anzeigen lassen.
Praktisch ist auch die automatische Wortvervollständigung. Es genügt zum Beispiel, wenn der Nutzer «hb» eingibt, damit eine Liste mit sämtliche Haltestellen im und um den Hauptbahnhof angezeigt wird. Die am häufigsten frequentierten Haltestellen erscheinen automatisch zuoberst. Hat man seine Verbindung gefunden, so kann man diese zudem über einen Klick per E-Mail, Facebook oder SMS direkt an seine Freunde verschicken.
Die SBB ins Boot holen
Für Fahrplananfragen nutzt Jaggi den XML-Port des zentralen SBB-Servers, über den die offizielle iPhone-Applikation der SBB Fahrplananfragen beantwortet. Dies ohne ausdrückliche Erlaubnis der SBB. Jede Suchanfrage ist deshalb mit einem Hinweis versehen, dass es sich bei der App nicht um ein offizielles SBB-Produkt handelt und die zur Verfügung gestellten Fahrplandaten der SBB gehören. In den ersten beiden Wochen seit der Lancierung wurde die App über 5000 Mal heruntergeladen und von den Nutzern praktisch durchgehend positiv bewertet.
«Es ist toll, eine App entwickelt zu haben, die von den Menschen genutzt und geschätzt wird. Wir hoffen, dass wir mit dem positiven Feedback die SBB nachträglich von einer Zusammenarbeit überzeugen können», sagt Cinek. Deshalb haben die Entwickler die SBB kurz nach der Lancierung ihrer App im Juni mit der Unterstützung von Professor Bernhard Plattner nochmals kontaktiert. Gerne würden sie mit der Bahn zusammenarbeiten und zum Beispiel den Ticketverkauf in ihr Programm integrieren. «Das können wir nur, wenn die SBB mit im Boot sitzt», hält Jaggi fest. Noch steht eine Antwort aus.
Stadtführer für Nachtschwärmer
Apps werden von Studenten nicht nur in der Freizeit programmiert, sondern haben längst auch den Weg in den Unterricht gefunden. Im Rahmen der Vorlesung «Communication Networks» von Bernhard Plattner, Professor für Computer Engineering an der ETH Zürich, haben Studenten die Möglichkeit, eine eigene Android-App zu entwickeln und diese auf von Google zur Verfügung gestellten Smartphones zu testen.
Steven Meliopoulos und Cédric Waldburger, beide Elektrotechnik-Studenten im sechsten Semester, haben mit vier Studienkollegen eine Android-App für Nachtschwärmer kreiert. In Zusammenarbeit mit der Internet-Partyplattform «usgang.ch» haben sie eine App programmiert, mit der sämtliche Ausgehtipps der Internetplattform jederzeit mobil abrufbar sind. Der grosse Zusatznutzen zum Internetangebot ist auch hier die Möglichkeit der Positionsbestimmung über GPS.
Meliopoulos macht ein Beispiel: «Jemand kommt aus einer Party, die langweilig war, will aber noch nicht nach Hause. Nun bietet unsere App Hand, um in nächster Umgebung etwas besseres zu finden.» Über das Smartphone kann man sich anzeigen lassen, welche Klubs und Bars in der nächsten Umgebung sind und gleichzeitig deren aktuelles Programm studieren. Hat man sich entschieden, so lässt man sich über das GPS gleich den Weg zum ausgewählten Lokal anzeigen. Die App wird in den nächsten Wochen für Android-Nutzer über Internet verfügbar sein.
Die App «Fahrplan Schweiz» kann von Android-Nutzern unter http://www.androidpit.de/de/android/market/apps/app/ch.jorimjaggi.timetable/Fahrplan-Schweiz kostenlos heruntergeladen werden.
Infos zu Android:
Android ist ein Betriebssystem für mobile Geräte wie Smartphones und Mobiltelefone. Es wurde von Google zusammen mit Partnern entwickelt und ist seit Oktober 2008 verfügbar. Mehrere Hersteller von mobilen Geräten, darunter HTC, Samsung, LG, Motorola, Toshiba, Sony-Ericsson und Acer, waren in die Entwicklung des Systems involviert und nutzen dieses für ihre Produkte. Auch das Google-Handy «Nexus One» basiert auf Android. Die Software ist gratis und quelloffen. Jedermann darf Applikationen («Apps») für das Betriebssystem programmieren. Deshalb ist Android besonders bei Programmierern und Informatikern beliebt. Neue Applikationen werden auf Internetplattformen kostenlos oder gegen Bezahlung angeboten. Heute stehen Nutzern auf dem «Android Market» über 60'000 Apps zur Verfügung. Im Juni 2010 gab Google bekannt, dass 160'000 Android-Geräte pro Tag verkauft würden. Noch ist das iPhone-Betriebssystem iOS verbreiteter als Android. Bislang wurden laut Apple weltweit über 50 Millionen iPhones verkauft und im App-Store von Apple können über 185'000 Apps heruntergeladen werden.
Quelle: Samuel Schlaefli, ETH Life