Marathon: über die Grenzen hinaus

Barcelona 2010: Viktor Röthlin geniesst seinen Sieg. (Bild: Erik van Leeuwen, Wikimedia Commons)
Ein Marathonlauf verlangt einem Sportler wie Viktor Röthlin enorm viel ab. Nicht nur ein optimales Training, sondern auch das Verhalten während des Laufs ist entscheidend, damit sein Körper diese ungeheure Belastung überlebt.
Wer sich für Leichtathletik interessiert, hatte am 31. Juli 2010 Grund zum Jubeln: erstmals seit 24 Jahren ist ein Schweizer Europameister in dieser Sportart geworden. Viktor Röthlin ist beim Marathonlauf in Barcelona nach 2 Stunden, 15 Minuten und 31 Sekunden als Erster durchs Ziel gegangen und hat damit die Goldmedaille heimgebracht. Seine Leistung ist umso erstaunlicher, als er im letzten Jahr schwer erkrankt war.
Energie für die Muskeln – der Motor
Doch auch für den Körper jedes anderen Sportlers ist ein Marathonlauf eine unglaubliche Leistung, für die er über seine Grenzen hinauswächst. Ohne geeignetes Training ist es undenkbar, die 42.195 Kilometer abzulaufen, die die Marathonstrecke lang ist. Ausdauer ist hier das Stichwort.
Über 2 Stunden lang muss ein Marathonläufer schwere körperliche Arbeit leisten. Besonders die Beinmuskeln verbrauchen enorm viel Energie. Um diese schnell zur Verfügung zu haben, essen viele Läufer in den Tagen vor dem Wettkampf besonders viel kohlenstoffreiche Nahrung wie Pasta. Denn unser Körper verbrennt Zucker – also Kohlenhydrate – und Fett, um an Energie zu gelangen. Kohlenhydrate sind aber einfacher zugänglich und darum geeigneter für die rasche Energiezufuhr.
Sauerstoff- der Brennstoff
Um die Nährstoffe zu verbrennen und Energie zu gewinnen, benötigen wir Sauerstoff. (Wie das genau funktioniert, kannst du hier nachlesen.) Dieser wird im Blut transportiert. Darum atmet man beim Sport schneller, und der Puls schnellt in die Höhe: wir brauchen mehr Sauerstoff. Irgendwann aber kommt der Körper an seine Grenze, wo er nicht mehr schneller atmen und das Blut nicht noch mehr Sauerstoff aus der Lunge aufnehmen kann. Das Herz beginnt zu rasen im Versuch, noch mehr Blut und damit Sauerstoff zu den Muskeln zu transportieren. Wir bekommen Atemnot und Übelkeit und brechen die Übung ab.
Ausdauersportler wollen erst gar nicht an diesem Punkt kommen. Dank ständigem Training gewöhnen sie ihren Körper an die erhöhte Belastung. Ihr Herzmuskel wird kräftiger und kann so mit jedem Schlag mehr Blut durch den Körper pumpen als bei einer untrainierten Person.
Wärme als Bedrohung
Der erhöhte Sauerstoffverbrauch ist aber nicht das einzige, womit Marathonläufer zu kämpfen haben. Ihre Körpertemperatur erhöht sich während des Laufens – besonders unter der Sonne – stark, und sie müssen aufpassen, keinen Hitzschlag zu erleiden. Um dem entgegenzuwirken, hat Viktor Röthlin in Barcelona vor dem Start und in der Anfangsphase „Cool-Pads“ getragen: mit Hilfe des Eises konnte er seine Körperkerntemperatur tief halten.
Auch ein so banaler Vorgang wie das Schwitzen ist für Marathonteilnehmer ein Problem, denn sie verlieren dadurch Körperwasser. Dieses jedoch mit reinem Wasser zu ersetzen, ist gefährlich, da dann ein Salzverlust droht. Darum nehmen Läufer sogenannte isotonische Getränke zu sich. Das sind Getränke, die mit der gleichen Konzentration an Kochsalz wie unser Blut versehen sind.
Dennoch versuchen Marathonläufer, so wenig wie möglich zu trinken. Denn besonders bei schneller Laufgeschwindigkeit ist der Verdauungstrakt schlecht durchblutet, da das meiste Blut in die Muskeln fliesst. Nährstoffe oder Wasser können so nicht aufgenommen werden, was zu Übelkeit und Erbrechen führen kann.
Auch die Psyche muss stark sein
Neben der körperlichen ist die psychische Belastung, die ein Sportler bei einem Marathonlauf ertragen muss, nicht zu unterschätzen. Etwa nach der Hälfte der Strecke sind die Kohlenhydratreserven aufgebraucht, und die Fettverbrennung beginnt. Diese braucht jedoch mehr Energie und Sauerstoff. Das Laufen wird anstrengender und die ermüdeten Muskeln beginnen unkontrolliert zu zittern. Der Körper ist zum Aufgeben bereit. Nur noch reine Willenskraft treibt den Läufer vorwärts.
Doch die Anstrengung wird belohnt: Nach einer Weile schüttet der Körper Endorphine aus, die die Schmerzen unterdrücken. Dadurch, dass im Gehirn vor allem die Regionen durchblutet werden, die das Laufen kontrollieren, erhalten andere – wie beispielsweise die Regionen, wo wir planen und uns Sorgen machen – weniger Blut, und so kann ein Läufer in den sogenannten „Flow“-Zustand gelangen, der einem meditativen Zustand gleichkommt.
Ausgepumt – doch der Körper erhohlt sich wieder
Der glücklichen „Flow“-Zustand soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Sportler nach beendetem Marathon seinen Körper über die Grenzen hinaus getrieben hat. Seine Blutwerte zeigen an, dass Herz, Gefässe und Muskeln so stark beansprucht worden sind, so dass winzige Risse und Wunden entstanden sind. Seine Energiereserven sind leer, und das Stresshormon Cortisol ist in Höchstmengen ausgeschüttet worden. Muskelschmerzen, die bis zu eine Woche anhalten können, treten auf.
Die gute Nachricht ist, dass sich der Körper wieder vollständig von den Strapazen erholt. Das kann zwar bis zu zwei Monaten dauern, aber Viktor Röthlin ist das seine Goldmedaille bestimmt wert gewesen.
Quellen:
Redaktion simplyscience.ch
Viktor Röthlin – offizielle Homepage
Interessengemeinschaft geman road races
Zentrum für Sportmedizin der TU München