sprache FAQ/Hilfe| RSS-Feed| Twitter| Facebook| Flickr| YouTube|  

Berufsbilder
Porträts Kolumnen Lehrstellen

Als Detektive von Dorf zu Dorf (3/4)

19.01.2011
  
  
<     >

Vivanne Dubach mit ihren beiden bhutanesischen Begleitern, Tandin Dorji (links) und Ugyen Tenzin. (Bild: Vivanne Dubach)
Vivanne Dubach mit ihren beiden bhutanesischen Begleitern, Tandin Dorji (links) und Ugyen Tenzin. (Bild: Vivanne Dubach)

Auch in Vivanne Dubachs drittem Bericht von ihrer Praktikumszeit bei Helvetas in Bhutan geht es abenteuerlich zu. Gemeinsam mit zwei bhutanesischen Partnern ist die ETH-Studentin den Sammlern und Händlern der Pflanze Rubia cordifolia auf der Spur - und kommt sich dabei wie eine Detektivin vor.


Der Raum ist klein, die Wände schmutzig und die Decke hat ein Loch. Subtropischer Wald umgibt das langsam im Dunkel verschwindende Dorf. Meine beiden Begleiter und ich sitzen zusammen mit ein paar Dörflern an einem Tisch mit zerkratzter Plastikoberfläche im Marmorstil und zu vielen Stühlen rundherum. Bierschachteln stapeln sich in einer Ecke und die eine Glühbirne vermag den Raum nicht ganz zu erhellen. Ara (lokaler Alkohol) macht die Runde. Das Gespräch neigt sich dem Ende zu. Viele Informationen sind ausgetauscht. Zufrieden entlasse ich meine Partner aus der Übersetzungspflicht, verlasse mich von nun an ganz auf das, was ich von selbst verstehe. Der Tag war erfolgreich gewesen. Wir haben einen weiteren Akteur in der Marktkette von Rubia cordifolia, einer Pflanze, die man zum Färben oder als Medizin verwenden kann, aufgespürt.

Gemeinsam mit meinen zwei bhutanesischen Begleitern führe ich im Auftrag meines Praktikumsgebers Helvetas eine «Rapid Market Appraisal» (RMA) durch, das heisst, wir verfolgen das Produkt von seinen Produzenten, in diesem Fall den Sammlern, bis hin zu den Verbrauchern. Unsere Aufgabe ist es, diese bis anhin relativ unbekannte Marktkette sichtbar und die Akteure ausfindig zu machen. Schliesslich ist es unser Ziel, jene Problempunkte zu finden, welche das Einkommen der Produzenten limitieren. Das Endziel der Armutsreduktion scheint deutlich, ist jedoch bei genauerer Betrachtung nicht ganz so einfach zu erreichen.

Man muss seinen Blickwinkel verschieben

Neue Einblicke in die Entwicklungszusammenarbeit tun sich mir auf. Wer auf den ersten Blick den Händler beschuldigt, auf Kosten der Bauern Profit zu machen, muss sich nach eingehenderer Betrachtung eingestehen, dass eben dieser Händler selbst hohe Kosten hat und seine Dienstleistung für die Bauern unersetzbar ist. Spannend. Spannend, weil man zwangsläufig seinen Blickwinkel verschieben muss. Spannend, weil man mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt tritt. Man sitzt in abgelegenen Kneipen mit einem Loch in der Decke, in prächtig ausgestatteten Büros oder gemütlichen Wohnungen, plaudert und macht dabei den Anschein informeller Kollegialität, während man eigentlich hellwach ist und dem Gespräch die gewünschte Richtung gibt. Information um Information tröpfelt oder strömt so in unsere Notizbücher, die wir am Ende des Tages vergleichen und ins Reine schreiben.

Schritt für Schritt decken wir so die Marktkette auf, folgen nebenbei erwähnten Hinweisen und passen unser Programm beinahe täglich an. Ein bisschen wie Detektiv spielen ist das.

Wir, das mittlerweile eingespielte Trio, tasten uns Tag für Tag weiter vor, jeder seine Rolle einnehmend. Doch nicht nur während den Interviews harmonieren wir gut, auch in den restlichen Stunden des Tages, die wir zwangsläufig zusammen verbringen, funktioniert die Kommunikation. Dies verdanken wir nicht zuletzt dem einwöchigen Training, welches wir zur Vorbereitung dieser Arbeit zusammen absolviert haben.

Schnell an die neue Situation angepasst

Ich, die ich die letzten Monate allein gereist bin und meine Arbeitskollegen jeweils vor Ort getroffen habe, brauchte nicht lange, um mich an diese neue Situation anzupassen. Die Tatsache, dass meine beiden Partner gleichen Alters sind, hat dazu viel beigetragen, da die Kommunikation natürlicherweise einfacher fällt. Und die Art, wie sie sich durch die Gesellschaft bewegen, ist wieder eine ganz andere, als ich sie bis anhin erfahren konnte. So bietet dieser Kontakt für mich auch die Möglichkeit, Bhutan auf eine nochmals ganz neue Weise zu erleben als bisher.

Derart in Südostbhutan arbeitend und sogar bis nach Indien reisend, entdecke ich neue Gegenden. Und mit den zwei bhutanesischen Arbeitskollegen an meiner Seite fürchte ich mich auch nicht, in einer Region zu arbeiten, die bis 2003 von der «United Liberation Front of Asom» (ULFA) als Rückzugsgebiet missbraucht wurde. Seit 2004 ist die Gegend wieder ruhig. Ich freue mich, Teile dieses weissen Flecks auf meiner Landkarte zu tilgen, ihn mit Bildern, Geräuschen und Gerüchen zu füllen. Der Südosten Bhutans wird noch immer wenig besucht von Ausländerinnen und Ausländern. Vielleicht scheint er mir deshalb derart verlockend, dass ich beinahe das Gefühl habe, man müsse diese Gegend einfach besucht haben, um wirklich in Bhutan anzukommen.

Und per Auto, das uns dank meines einen Begleiters zur Verfügung steht, geht die Reise einfacher. Bisher per Bus unterwegs, geniesse ich nun den Luxus des immer erreichbaren Autos. Lautstark, und nicht selten falsch singend, werden wir weiter von Ort zu Ort fahren und uns so nach und nach bis zu den Verbrauchern in der Marktkette durchfragen.

Zur Person

Vivanne Dubach studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich und absolviert zurzeit ihr sechsmonatiges Masterpraktikum bei Helvetas, der Schweizer Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, in Bhutan.

Quelle: Vivanne Dubach, ETH Life

Diesen Artikel bewerten:

1

2

3

4

5





Kommentar hinzufügen