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Ein Praktikum voller Reisen (4/4)
 Aufgespürt: Vivanne Dubach und ihre bhutanesischen Begleiter im Gespräch mit einem Händler der Pflanze Rubia cordifolia (Bild: Vivanne Dubach).
In ihrem letzten Bericht macht Vivanne Dubach einen turbulenten Abstecher nach Indien und nimmt schweren Herzens Abschied von Bhutan. Das faszinierende Land ist der Studentin während ihres sechsmonatigen Praktikums bei Helvetas zur Heimat geworden, schreibt sie.
In Thimphu ist es kalt. Eine winterliche Stimmung umgibt die Häusermenge, die mir nach meiner Zeit im Osten riesig erscheint. Winter. Beinahe hätte ich vergessen, was dieses Wort bedeutet. Ich bin vor ein paar Tagen erst aus dem äusseren Südosten Bhutans angekommen. Den Winter habe ich vollständig verpasst. In Samdrup Jonkhar ist es immer warm, nicht heiss aber auch nie kalt. Es hat nie geregnet und der Staub war ein tägliches Ärgernis. Für unser "Rapid Market Appraisal", das ich mit zwei bhutanesischen Kollegen in den letzten eineinhalb Monaten durchgeführt habe, sind wir kreuz und quer durch den Südosten gereist, immer auf den Spuren unseres Produktes, der Pflanze Rubia cordifolia. Wir haben die entlegenen Dörfer jener Leute besucht, welche diese Pflanze sammeln, sind den schmalen Wanderwegen gefolgt, auf welchen sie transportiert wird, und haben uns in das Chaos Indiens gewagt, wo sich die Käufer um die Pflanze reissen.
Indien war ein Abenteuer für sich; der Grenzübertritt ein Schock. Schon auf der bhutanesischen Seite hörte man die indische Nationalhymne, musste man den zahlreichen indischen Tagelöhnern ausweichen, die über die Grenze geströmt waren. Und dann, von einer Minute auf die andere, war man umgeben von Autos, Rikschas, Motorrädern, Velos, Karren, Fussgängern, Kühen, Hunden und Ziegen. Hupende Lastwagen, farbenprächtig bemalt, forderten die Menge auf, Platz zu machen. Autos überholten links oder rechts, ganz wie es passte, Rikschas erklingelten sich die Aufmerksamkeit der Fussgänger. Zwei Tage dauerte es, bis ich mich an das Menschengedränge, den unablässig tanzenden Geräuschpegel und das Gerüchemasala gewöhnt hatte. Dann schälten sich langsam, aber intensiv die schönen Seiten dieses Chaos heraus.
Schönes Chaos
In Delhi umschwebte mich die Schönheit des Gewimmels vor allem dann, wenn ich in einer Rikscha sass, dem schlimmsten Gedränge etwas enthoben. Unsere Aufgabe war es, der Pflanze namens Rubia cordifolia weiterhin zu folgen. Wer kauft wo wie viel zu welchem Preis? Wir suchten jedoch auch nach neuen Käufern und fragten nach den Problemen der Händler. Dazu mussten wir diese Händler aber erst einmal finden – eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Indische Adressen stellen sich nicht selten als vage Gebietsangaben heraus, Telefonnummern wechseln beinahe schneller als man sie aufschreiben kann, und ohne kundigen Führer erhöhen sich die Taxisummen durch mehrere unnötige Runden.
Zurück in Bhutan schien Samdrup Jonkhar beinahe verlassen. Die Menschen schlenderten ohne Stress durch die Strassen, die Geräusche und Gerüche schienen unaufdringlich und friedlich. Eine sehr volle Woche wartete auf mich, denn all die Eindrücke, Informationen und Erkenntnisse mussten nun ihren Weg in einen Bericht finden. Die Abschlusspräsentation vor Forst-Administration und Händlern war eine spannende Angelegenheit. Nicht nur, weil wir keinen Strom hatten und mit zwei Laptops improvisieren mussten, sondern auch, weil wir zum ersten Mal eine Rückmeldung zu unserer nun vollständigen Arbeit bekamen. Der Austausch zwischen Administration und Händlern machte mir Mut. Es bewegte sich etwas.
Dann war es Zeit aufzubrechen. Den Osten zu verlassen, fiel mir schwer. Jede Strassenecke hielt eine Erinnerung bereit, in jedem Dorf warteten Freunde auf mich, von denen es sich nun zu verabschieden galt. Ich bin zu einem richtigen Landmädchen geworden. Hat es zwei, drei Läden und ein Restaurant, empfinde ich die Häuseransammlung als Stadt. Hat es keinen oder nur einen Shop, ist es ein Dorf. Thimphu mit seiner Moderne, mit seinem Verkehrschaos (das im indischen Vergleich wie ein autofreier Sonntag wirkt) und den hunderten von Läden, in denen man (fast) alles bekommt, was das Herz begehrt, erschreckte mich.
In weniger als einer Woche reise ich ab. Mein Praktikum endet, die Abschlusspräsentation liegt schon hinter mir. Meine Gedanken hängen noch immer im Osten fest, der mir zu einer Heimat geworden ist. Was bleibt von all den Reisen? Was habe ich bewegt? Und was wird mich in die Schweiz begleiten?

Eine typische "Hauptstrasse" im Distrikt Samdrup Jonkhar (Bild: Vivanne Dubach).
Zur Person
Vivanne Dubach studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich und absolviert zurzeit ihr sechsmonatiges Masterpraktikum bei Helvetas, der Schweizer Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, in Bhutan.
Quelle: Vivanne Dubach, ETH Life
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