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Kapselhotel und Karaoke (4/4)
 Samuel Smith im Kapselhotel (Bild: Samuel Smith).
In den letzten Wochen seines Studienaufenthalts erlebt Globetrotter Samuel Smith, wie gemütlich ein Kapselhotel sein kann, was es heisst, sein Velo in Japan falsch zu parken, und dass Karaoke einfach unvermeidlich ist.
Die letzten Wochen meines Austauschs am Tokyo Tech waren mit spontanen Ausflügen zu einigen architektonischen Highlights und Sehenswürdigkeiten vollgepackt, die ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Ausserdem musste ich an der Universität meine Arbeiten zu Ende bringen. Nach letzten Referaten und der Fertigstellung meines von Shinohara inspirierten Entwurfs stand am Ende beinahe jedes Seminars die Erstellung eines Buches mit den Arbeiten der Studierenden. Zum Glück wurden diese Konvolute nicht rechtzeitig fertig, um mein Gepäck noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon war angesichts der vielen Abschiedsgeschenke, die ich bekam.
Für meine letzte grosse Exkursion fuhren acht von uns Austauschstudenten (denn die Idee erwies sich als überaus populär) nach Sendai, das mit dem Bus fünf Stunden nördlich von Tokio liegt. Wir besuchten Itos berühmte Mediathek mit ihren gestapelten Plattformen, die von Gitterröhren durchbohrt werden, und sahen uns einige Arbeiten von Hitoshi Abe an. Anschliessend verspeisten wir – dem Diktat unseres Reiseführers gehorchend – die Zungen einer kleinen Kuhherde: eine lokale Spezialität. Unsere Unterkunft für eine Nacht war ein liebevoll umgebautes Bauernhaus am Stadtrand mit einer grossen heissen Zedernholzbadewanne.
Am nächsten Tag machten wir uns weiter nach Norden auf zur Pazifikküste, wo uns eine wunderschöne Schiffsfahrt durch die Welt der rund 200 ins Meer gestreuten Inselchen von Matsushima führte. Eine Stimme vom Band erläuterte ihre Geschichte und die Bedeutung der Formationen, wobei der Ton während der 50-minütigen Rundfahrt immer eindringlicher und lauter zu werden schien. Wieder an Land, schlenderten wir durch den kleinen Küstenort auf der Suche nach einem netten Plätzchen fürs Mittagessen und gerieten, als wir allzu sehr unser Interesse an den lokalen Fischgerichten kundtaten, bald schon ins Visier einiger forscher Restaurantbesitzerinnen. Offenbar waren sie so sehr auf Kundschaft angewiesen, dass sie uns für ein vorzügliches Essen noch einen saftigen Gruppenrabatt gewährten.
Velofahrer als Falschparker
Meine Abenteuer, die ich als Velofahrer auf dem Weg zu meinem Praktikum erlebte, hatten übrigens noch ein kleines Nachspiel. Am letzten Tag meines Praktikums hatte ich mein Velo in der Nähe des Shibuya-Bahnhof angeschlossen. Eine Woche später wollte ich von dort zum Campus zurückradeln, doch das Velo war weg. All die Monate war ich der Höchststrafe für Falschparker entronnen! Auf der Polizeiwache erklärte mir eine Beamtin mit extralangen Wimpern, wo ich fündig werden würde. Als ich mich dem mehrere Kilometer entfernten Abholplatz unter einer Hochstrasse näherte, sah ich mein Stahlross zusammen mit einigen anderen in einen Käfig gesperrt. Zum Glück konnte ich dem imposanten Wächter auf Japanisch sagen: „Ich vermisse meine Velo.” Beflissen ging er mit mir die Formalitäten durch, Geld wechselte den Besitzer, und nachdem er meinem Stahlross die Zelle aufgesperrt hatte, wischte er ihm sogar noch sorgfältig den Sattel und den Lenker ab, bevor er es mir mit einem zufriedenen Lächeln überreichte.
Eines späten Nachmittags fuhr ich mit dem Velo (kurz bevor ich es verkaufen wollte) noch einmal über den Campus und hielt auf der Eisenbahnüberquerung an, von wo aus man einen schönen Blick nach Westen hat. Bei gutem Wetter sieht man in der Ferne den Kegel des Fuji, des höchsten Bergs in Japan, und an jenem Tag strahlte er sogar in orange und gelb in der Abendsonne. Ich bemerkte, wie auch andere Leute, einige Alte, einige Hundebesitzer, am Brückengeländer lehnten oder in der Nähe stehenblieben, und je näher der Sonnenuntergang rückte, desto zahlreicher wurde die Schar. Ein Strahl der Ruhe schien von der Brücke in das warme Licht zu führen.
Abschiedsparty und Karaoke
Mein letzter Samstagabend war für eine Abschiedsparty reserviert, zu der die meisten meiner Nippon-Freunde kamen (und auch viele neue Bekanntschaften). Zunächst trafen wir uns in einem Kellerrestaurant, wo in einem Labyrinth um eine goldene Buddha-Statue private Tische gedeckt waren. Nachdem wir die „Letzte-U-Bahn-erwischen-Müssler” verabschiedet hatten (denn wer die letzte U-Bahn verpasst, muss sich bis um halb sechs Uhr morgens ins Nachtleben stürzen), zogen wir zu einem Karaoke-Club, wo ich mit einem Hitsong der Boygroup Arashi mein Debüt auf Japanisch gab. Zum Ausklang verlegten wir die Party noch in eine Disco, bevor wir uns mit einem Ramen-Nudel-Frühstück für die U-Bahn-Fahrt nach Hause stärkten. Zuguterletzt genehmigte ich mir bei der französischen Bäckerei in der Nähe unseres Wohnheims ein Sonntags-Pain au Chocolat. Nun war ich zufrieden und erschöpft!
An einem meiner letzten Abende verschlug es mich in eine der wohl seltsamsten Bars, die ich je gesehen habe: die Kagaya Bar in der Nähe des Shimbashi-Bahnhofs. Sie wurde von einem ganz normal aussehenden Japaner Ende dreissig geführt, der nicht erahnen liess, wie sein kleiner Laden durch schrille Rollenspiele, schrullige Utensilien und grölende, zuweilen gar ins Unanständige mündende Rituale in bunten Kostümen plötzlich zum Leben erwachte. Das Ganze hatte die Atmosphäre eines Kindergeburtstags für „fünfjährige Erwachsene” mit komödiantenhafter Ausgelassenheit und war einfach bizarr!
Was ich vermissen werde
Zu den Klängen von Chopins erstem Klavierkonzert packte ich meine sieben Sachen und putzte mein Zimmer, bevor ich mich ein letztes Mal auf den Weg zur Universität machte. Das Labor von Professor Yasuda organisierte für mich am Ende eines Tages, an dem die Disputation für die Masterarbeiten stattgefunden hatte, eine sehr herzliche Abschiedsfeier, die wir in einem Restaurant fortsetzten: Zum ersten Mal war ich mit meinen Kollegen aus dem Labor unterwegs, die normalerweise um diese Uhrzeit noch am Schreibtisch sassen. Da mein Flug erst früh am nächsten Morgen ging, verbrachte ich die letzten Stunden bis zur Abreise in einem Kapselhotel. Ich liess meine Schuhe im Erdgeschoss zurück und betrat das Land der Pyjamas (alle Gäste verstauen ihre Strassenkleidung in einem Schliessfach). So lustwandelte ich durch die warme Luft und nahm mein letztes Bad in Japan. Der Bienenstock mit seinen kleinen Wabenfächern (oder Kapseln), die bis zum zehnten Stock reichten, hatte etwas von der Atmosphäre eines Internats für frisch geschlüpfte Kücken.
Seit einigen Wochen bin ich wieder in der Schweiz. Was ich bereits an Japan vermisse: Neben Geschäftsmännern in Anzügen ein Fünf-Franken-Abendessen in einem Loch-in-der-Wand-Restaurant zu schlürfen. Oder das Fehlen von praktisch jeder Kriminalität, so dass man seinen Computer oder seinen Geldbeutel einfach irgendwo liegenlassen kann. Oder die kleinen Erdbeben, die im Seminar zuweilen für Unruhe sorgten (woraufhin der Professor meinte: „Keine Sorge, dieses Gebäude ist sicher.” [Kichern]) ...
Der Autor
Samuel Smith studiert Architektur im letzten Jahr und erforscht während eines Austauschsemesters in Japan einerseits die Bedeutung von Holz in der zeitgenössischen Architektur und lässt sich andererseits von den dichten Stadträumen Tokios und der Fülle an ausserordentlichen Gebäuden inspirieren. Er erhielt vom Tokyo Institute of Technology ein Kikin Scholarship und von der ETH Zürich ein Reisestipendium und wird zudem von der Schweizerischen Studienstiftung für seine Forschung unterstützt.
Quelle: Samuel Smith, ETH Life
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