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Konur links, Karlar rechts (1/4)
 Blick vom Institut Askja in Richtung Reyikjavíker Innenstadt, um 10 Uhr morgens. Der Nebel entsteht durch das warme Sumpfwasser (Bild: Sabrina Metzger).
Nach der Hitze der Wüste Saudi Arabiens berichtet Sabrina Metzger nun aus Island. Der Insel im Atlantik, auf der die Geophysikerin im Sommer Feldarbeit für ihre Dissertation macht und nun während des harten Winters Daten analysiert.
Island empfing mich mit einem kräftigen, feuchtkalten Kuss ins Gesicht: Der Regen klatschte mir horizontal entgegen, als ich das Flughafengebäude kurz nach meiner Ankunft verliess. Die stürmischen Winde sind hier ein bekanntes Phänomen. Die Stadt ist dunkel, kalt und nass. Ich erlebe den isländischen Winter zum ersten Mal – er ist in der Tat kein Zuckerschlecken. In den nicht enden wollenden Nächten spiegeln sich die Leuchtreklamen Reykjavíks in den tiefen, mit Wasser gefüllten Fahrrinnen der Strassen. Wer nicht aufpasst, wird in Sekundenschnelle von einem vorbeirasenden Auto nassgespritzt. Als Fussgänger empfiehlt es sich daher, einen möglichst grossen Abstand zur Strasse einzuhalten.
Zwischen Sumpf und Flugplatz wird geforscht
Bereits zum vierten Mal weile ich in Island. Ich untersuche im Rahmen meiner Doktorarbeit am Institut für Geophysik der ETH Zürich die Plattentektonik Islands. Jeweils im Sommer reise ich deshalb zur Feldarbeit auf die Insel. Jetzt bin ich zum ersten Mal im Winter hier. Dieses Mal nicht im Gelände, sondern in Reykjavík. Dort bearbeite ich am Erdwissenschaftlichen Institut der Universität von Island mit Hilfe einer isländischen Wissenschaftlerin GPS-Daten, die ich für meine Doktorarbeit brauche. Das Institutsgebäude ist nach dem isländischen Vulkan Askja benannt und befindet sich direkt zwischen dem Stadtzentrum, dem Inland-Flughafen und einem Sumpf. Während meines Aufenthalts kann ich in der Zweitwohnung meines Betreuers wohnen, einem Isländer, der bis vor 2 Jahren noch Oberassistent an der ETH war und dann als Professor an die King Abdullah University of Science and Technology (KAUST) wechselte.
"Meine" Wohnung befindet sich am Laugavegur, der wohl einzigen Einkaufsstrasse Islands. Zu Fuss bin ich in zwanzig Minuten bei der Arbeit. Dabei komme ich am Wahrzeichen der Stadt vorbei, an der Hallgrímskirkja. Die Fassade dieser Kirche soll – ganz im Sinne der vulkanisch hochaktiven Insel – an erstarrte Basaltsäulen erinnern, doch im Volksmund spricht man pragmatisch vom "Space Shuttle".
Island – ein Mekka für Wasserratten!
Das oft ungemütliche Klima lässt einen nie lange unter freiem Himmel verweilen: Joggen, Radfahren, Spazieren – solche Freizeitaktivitäten werden in diesen Breitengraden selten bis gar nicht praktiziert. Der einzige Ort, an dem es auch im Winter immer gemütlich bleibt, ist das Freiluft-Schwimmbad, das darum bei den Isländern besonders beliebt ist. Dank der besonderen geologischen Situation Islands ist die isländische Erdkruste dünn und der Temperaturgradient im Erdinnern hoch. Fast überall sprudelt heisses Grundwasser aus der Erde. Dieses wird hauptsächlich zur Energiegewinnung genutzt oder direkt in die Heizungs-Radiatoren und Schwimmbäder geleitet. Jedes noch so kleine Dörfchen hat einen eigenen Warmwasser-Swimmingpool, ein Sprudelbad, ein Hotpot (einen grossen Pott mit heissem Wasser) und eine Dampfsauna, in denen man seine unterkühlten Glieder rasch aufwärmen kann. Und sitzt der Isländer erst mal im warmen Topf, wird aus dem sonst eher barschen, wortkargen Gemüt ein geselliger Gesprächspartner. Da Island nur 300'000 Einwohner hat, sind hier irgendwie alle miteinander bekannt und/oder verwandt, und so kann man im Bade lebhaften Gesprächen folgen. Einer meiner Arbeitskollegen geht jeden zweiten Tag (!) baden, da schliesse ich mich gerne an und lausche entzückt dem kantigen Klang der isländischen Sprache mit ihrem rollenden "R" und dem lispelnden "Þ" (ähnlich dem "th" im englischen "thing"). Währenddessen kämpft mein Kreislauf mit dem bis zu 44 Grad warmen Wasser.
Die isländischen Baderegeln sind streng. Schon am Haupteingang muss ich die Schuhe ausziehen und zurücklassen. Dann heisst es die richtige Tür zur Gemeinschaftskabine finden – "Karlar" ist für die Männer, bei "Konur" bin ich richtig. Dort wird, nach dem ich umgezogen bin, gründlich geduscht, nackt, mit viel Seife und unter strenger Aufsicht der Bademeisterin. Die omnipräsenten Schilder, die auf alle einzuseifenden Körperstellen in Bild und (zweisprachiger) Schrift hinweisen, lassen keine Missverständnisse zu. Die ausgiebige Körperhygiene ist notwendig, weil dem Badewasser kein Chlor zugefügt wird. Erst nach dem pingeligen Reinigungsritual kann der nasse Spass beginnen.
Badeferien am beheizten Strand
Auf Island sind auch die kleinsten Schwimmbäder grosszügig bis luxuriös ausgestattet: Für die Kleinen sind allerlei Kinderspielzeug und Schwimmflügel für den Badespass vorhanden, Seife gibt es in der Dusche gratis aus dem Seifenspender, und nach dem Bad stehen Trinkwasserspender gegen den Durst und Trockenschleudern für die nassen Badesachen zur Verfügung. In Garðabær, einem Vorort Reykjavíks, können sich Stammgäste sogar per Netzhautscanner Zutritt zum Schwimmbad verschaffen. Aber es geht noch dekadenter: In Reykjavík ist der einzige Badestrand Islands, der zugleich der nördlichste der Welt ist. Hier ist das Meerwasser eigentlich das ganze Jahr über viel zu kalt zum Schwimmen. Deshalb wird die kleine Bucht mit Geothermie-Wasser aufgewärmt, sodass auch der Isländer genussvoll im Meer baden kann – allerdings nur im Sommer!
Zur Autorin

Sabrina Metzger studierte an der ETH Zürich Interdisziplinäre Naturwissenschaften. Anschliessend arbeitete sie beim Schweizerischen Erdbebendienst und untersuchte dabei Mikrobeben, die in der Nähe des im Bau stehenden Gotthard-Basis-Tunnel auftreten können. Danach wechselte sie zur Spectraseis Technologie AG, einem Spin-off der Uni Zürich. Seit Frühjahr 2008 promoviert sie am Institut für Geophysik der ETH Zürich. Sie erforscht, wie gefährlich eine Bruchzone im Mittelatlantischen Rücken für die Bevölkerung des isländischen Städtchens Húsavík ist (siehe ETH Life-Artikel vom 11.03.2010). Da ihr Betreuer, der isländische Geophysiker Sigurjón Jónsson, von der ETH Zürich an die King Abdullah University of Science and Technology (KAUST) wechselte, war sie bereits zwei Mal als Gastwissenschaftlerin an der KAUST in Saudi Arabien. Derzeit ist sie zur Datenanalyse für einige Wochen am Erdwissenschaftlichen Institut der Universität von Island.
Quelle: Sabrina Metzger, ETH Life
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