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Kulturaustausch dank Turnschuhen und Knieschoner (2/4)
 Erschöpft von einem strengen Training, aber zufrieden: v. l. n. r. Karen, Sibylle, Friða, Sabrina, Laufey und Gása von HK Kopavogur (Bild: HK Kopavogur).
Sabrina Metzger trainiert während ihrem Island-Winteraufenthalt bei einem der bekanntesten Volleyball-Clubs der Insel. Wie sie dazu kam, erzählt sie in ihrem aktuellen Globetrotter-Bericht.
Als ich vor fast drei Jahren wieder an die ETH zurückkehrte, um eine Dissertation zu schreiben, stellte ich mich auf unzählige langweilige Stunden vor dem Bildschirm ein, in denen ich verzweifelt den Fehler in meinem selbst geschriebenen Programm suchen würde, welches tektonische Modelle Nordislands simulieren sollte. Oder auf ein endloses Hin und Her von Paper-Entwürfen meinerseits, und -Korrekturen meines Betreuers andererseits. Oder auf hektische 15-Stunden-Tage ohne Mittagspause, wenn wieder einmal ein Vortrag naht. Meine Erwartungen erfüllten sich alle. Doch ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass ich dank der alljährlichen Feldarbeit auf Island, mehreren Konferenzen und dem neuen Arbeitsort meines Betreuers in den Genuss derartig vieler spektakulärer Reisen kommen würde. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht in Gedanken abwechslungsweise meinem Betreuer, meinem Professor, der ETH, dem Schweizer Nationalfonds oder auch einfach nur dem Schicksal für dieses Privileg danke.
Isländisches Sitzpolster-Design
Wenn ich im Ausland bin, interessieren mich die Sehenswürdigkeiten meines Aufenthaltsortes meist weniger als die kulturellen Unterschiede des Alltags: Grüssen sich die Leute auf der Strasse? Was für kulinarische Köstlichkeiten birgt das Kühlregal im Supermarkt? Wie sieht die Musterung der Sitzpolster der öffentlichen Verkehrsmittel aus? Kaufen die Menschen ihre Kleider hier auch im H&M? Und was machen sie sonntags? Treiben sie viel Sport? Welche Art von Humor haben sie? Wie viel kostet ein Kinoticket im Vergleich zu einem Kilo Pasta? Und natürlich für mich als Geophysikerin auch immer von zentraler Bedeutung: Wie sieht die Natur aus?
Dank der Feldarbeit im Sommer habe ich einen grossen Teil der weiten, kaum zivilisierten Landschaft Islands kennengelernt. Jetzt bin ich hier in der Hauptstadt im Winter, und nun kann ich mehr über die isländische Gesellschaft lernen. Doch wie stellt man das als Ausländerin, die kaum Einheimische kennt und die Sprache nur bruchstückhaft versteht, am besten an? Man könnte sich ins berüchtigte Reykjaviker Nachtleben stürzen und hätte dank des ungezügelten Alkoholkonsums, für den Island und seine Bewohner berühmt sind, rasch neue Freunde gefunden. Doch das ist nicht so mein Ding. Daher wähle ich eine andere Taktik: Wie schon berichtet, gehe ich ins Schwimmbad, oder ich packe meine Knieschoner und Turnschuhe ein und gehe ins Volleyballtraining, wie zu Hause auch!
Auf Besuch bei den Flatterballern
Deshalb suchte ich im Internet bereits vor meiner Ankunft in Island nach isländischen Volleyballclubs und Trainingsmöglichkeiten. Nachdem ich einmal begriffen hatte, dass Volleyball auf Isländisch "Blak" heisst, was man etwa mit "Flattern" übersetzen könnte (na ja, die oberen Extremitäten sind beim Volleyball ja ziemlich gefordert!), und auch dank "Google Translate" war das gar nicht so schwer. Schnell war ein erstes Training abgemacht, notabene bei einem Team der höchsten Liga, das fünfmal die Woche trainiert! Da sank mir, einer erfahrenen und ehemals erfolgreichen Spielerin, doch ein wenig das Herz in die Hose, schliesslich "pläuschle" ich nur noch ein bisschen in der dritthöchsten Liga. Doch die Ängste waren unberechtigt, und schon nach dem ersten Training schickte mich der Trainer weiter zu einem besseren Team, da ich beim Können seiner Frauschaft deutlich unterfordert war. Nun bin ich Trainingsgast bei HK Kopavogur, dem besten Team Islands!
Der isländische Volleyballsport ist viel physischer, dafür weniger technisch und taktisch. Die Mädels sind alle fit und kräftig, haben aber selten von einer fundierten Technik-Ausbildung profitiert. Bei der kleinen Einwohneranzahl Islands findet man logischerweise auch nicht gerade viele talentierte Trainer und Spieler. Island wurde zwar im hier populären Mannschaftssport Handball sensationellerweise Vize-Olympiasieger, doch in allen anderen Sportarten kann sich die Insel nur mit anderen Kleinstaaten messen. Die verhältnismässig kleine Volleyballgemeinschaft zwingt die Clubs zu viel mehr Zusammenarbeit, als ich das je in der Schweiz erlebt habe, was mich sehr beeindruckt. Zum Beispiel gibt es nach dem Island-Cup-Final-Turnier eine grosse Party für alle beteiligten Teams, bei der Gewinner und Verlierer bis tief in die Nacht hinein gemeinsam feiern (und sich sicherlich auch gehörig betrinken!). Man stelle sich einmal vor: Eine gemeinsame Cupfeier der Basler und Zürcher Fussballfans ohne Animositäten? Ein Ding der Unmöglichkeit!
Mit schweren Beinen kehre ich jeweils spätabends per Bus vom Training zurück. Die Sitzpolster sind übrigens gemustert mit – ich finde keine passendere Beschreibung – Fischgräten und abgebrochenen Aufreiss-Laschen von Aluminiumdosen. Wer sich darüber wundert, der war noch nie in Island.
Zur Autorin
Sabrina Metzger studierte an der ETH Zürich Interdisziplinäre Naturwissenschaften. Anschliessend arbeitete sie beim Schweizerischen Erdbebendienst und untersuchte dabei Mikrobeben, die in der Nähe des im Bau stehenden Gotthard-Basis-Tunnel auftreten können. Danach wechselte sie zur Spectraseis Technologie AG, einem Spin-off der Uni Zürich. Seit Frühjahr 2008 promoviert sie am Institut für Geophysik der ETH Zürich. Sie erforscht, wie gefährlich eine Bruchzone im Mittelatlantischen Rücken für die Bevölkerung des isländischen Städtchens Húsavík ist (siehe ETH Life-Artikel vom 11.03.2010). Da ihr Betreuer, der isländische Geophysiker Sigurjón Jónsson, von der ETH Zürich an die King Abdullah University of Science and Technology (KAUST) wechselte, war sie bereits zwei Mal als Gastwissenschaftlerin an der KAUST in Saudi Arabien. Derzeit ist sie zur Datenanalyse für einige Wochen am Erdwissenschaftlichen Institut der Universität von Island.
Quelle: Sabrina Metzger, ETH Life
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