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Schlafsäcke unterm Schreibtisch (2/4)

30.12.2010
  
  
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Der bronzene Buddha von Kamakura trohnt majestätisch im Freien. (Bild: Wikimedia Commons)
Der bronzene Buddha von Kamakura trohnt majestätisch im Freien. (Bild: Wikimedia Commons)

Samuel Smith staunt als Austauschstudent in Tokio über die dortigen Aufgaben und Arbeitsmoral der Bachelorstudenten. Zudem beobachtet er, was Höflichkeit bedeutet, und nimmt auf dem Weg ins Schwimmbad der Universität bürokratische Hürden.


Seit meinem letzten Artikel ist an der Universität viel passiert. Wir arbeiten derzeit an einem Buch über die Ergebnisse des Oktober-Workshops, wo wir Möglichkeiten erkundet hatten, ausgewählte Bezirke Tokios «wanderfreundlicher» zu gestalten. Das Ganze fand unter der Anleitung eines Gastprofessors aus Seoul und eines Professors vom Tokyo Tech statt.

In meiner Forschungsgruppe habe ich die Nutzung und Bedeutung von Holz in der japanischen Architektur untersucht. Ein hilfsbereiter Dozent hat mich dabei auf ergiebige Quellen hingewiesen. Und so habe ich in Büchern und Zeitschriften viel über traditionelle Bauweisen gelesen und suche nun nach ihren Einflüssen auf die zeitgenössische Baukultur.

Eine Nacht im Büro

Gespräche mit den Kollegen in der Gruppe (manchmal sogar für kurze Zeit auf Japanisch) zeigen, wie sehr sich das Studieren hier von der Schweiz unterscheidet. Die jüngeren Mitarbeitenden (Bachelor-Studierende im letzten Jahr) sind beispielsweise für das Kochen und Servieren von Kaffee zuständig, wenn der Professor Gäste empfängt. Sie verbringen in der Regel zweimal pro Woche eine Nacht im Labor, was sich nur mit dem Druck erklären lässt, sich als eifrige und wertvolle Mitarbeiter zu zeigen. Bei meiner wöchentlichen Putzrunde habe ich beim Staubsaugen jede Menge Schlafsäcke unter den Schreibtischen entdeckt.

Vor einigen Wochen hielt der junge Architekt Go Hasegawa an unserer Universität einen Vortrag über seine Projekte, der mich sehr faszinierte. Ich fragte ihn, ob ich in seinem Büro einige Wochen als Praktikant mitarbeiten dürfe. Er hat zugesagt, und so werde ich während der ersten beiden Januarwochen den japanischen Arbeitsalltag aus eigener Erfahrung kennenlernen.

In einem anderen Seminar haben wir das Werk des verstorbenen Kazuo Shinohara analysiert, des verehrten Meisters aller Architektur-Professoren am Tokyo Tech: Er hat sie alle unterrichtet oder zumindest beeinflusst. In einem nächsten Schritt entwickelt nun jeder Studierende ein Haus auf der Grundlage seines jeweiligen Verständnisses von einer der vier Stil-Epochen im Werk Shinoharas. Ich mühe mich noch damit ab, seine Genialität in meinem Projekt wiederzugeben.

In letzter Zeit habe ich mich auf einen Häuserentwurfswettbewerb konzentriert, der von der japanischen Architekturzeitschrift «Shinkenchiku» ausgeschrieben wurde. Während der vergangenen Monate haben sich Ideen zu einem Projekt verdichtet, wobei mir mein Professor wertvolle Anregungen gab. Unsere Gespräche beschäftigten sich, wie ich fand, geradezu mit dem innersten Wesen der Architektur. Nachdem auch die Kritik meiner Freunde, die ebenfalls an dem Wettbewerb teilnehmen, eingeflossen ist, muss ich jetzt nur noch die abschliessenden Modelle und Pläne erstellen.

Da die auf Englisch gehaltenen Kurse hauptsächlich von Ausländern besucht werden, verbringe ich viel Zeit mit meinen internationalen Freunden. Einmal haben wir in einem unserer Aufenthaltsräume Sushi selbst gemacht und ich habe erst später festgestellt, dass es etwas zu feiern gab: Thanksgiving.

Höflichkeit und Bürokratie

In der U-Bahn habe ich wieder einmal ein Beispiel für die japanische Höflichkeit erlebt. An einem der grossen Umsteigebahnhöfe leerte sich der überfüllte U-Bahn-Wagen ein wenig, und der Sitz vor mir wurde frei. Ich bedeutete einer älteren Dame in meiner Nähe, sich zu setzen. Gleichzeitig näherte sich eine zweite Dame von der anderen Seite. Die beiden stiessen beinahe zusammen, entschuldigten sich und forderten einander gegenseitig auf, sich zu setzen. Schliesslich gingen beide dorthin zurück, wo sie gestanden hatten und drehten dem Sitz, der nun frei blieb, den Rücken zu.

Höflichkeit wird auch an der Supermarktkasse gepflegt, wo man sorgfältig die saubersten Bankknoten für mein Wechselgeld heraussucht. Auf der Post zeigt man mir die verschiedenen Briefmarkenmotive, mit denen meine Briefe geklebt werden können.

Gleichzeitig sammeln gewisse bürokratische Institutionen ungeheure Datenmengen. So muss ich beispielsweise jedes Mal, wenn ich ins Universitätsschwimmbad gehe (in der Regel zweimal wöchentlich), meinen Namen und meine Telefonnummer in ein Formular eintragen, bevor ich einen Schliessfachschlüssel bekomme. Am Schwimmbecken angekommen, muss ich abermals Namen, Abteilung, Eintrittszeit, Geschlecht, universitären Status und Ticketart (Semesterpass) auf ein Blatt schreiben. So lautet eben die Regel. Genauso wie das Einbahn-Schwimmsystem, bei dem ich bei jeder Wende die Bahn wechseln muss, und das strikt durchgesetzt wird, selbst wenn ich der letzte Schwimmer im Becken bin.

Ausserhalb Tokios

Drei Dinge sind mir von einem Tagesausflug im November besonders im Gedächtnis haften geblieben. Wir fuhren nach Kamakura, einer früheren Hauptstadt mit alten Tempeln und malerischen Wanderwegen. Der Grosse Buddha, dessen Holzhaus bei einem Tsunami vor 500 Jahren weggespült wurde und der seitdem im Freien steht, lächelt schon seit acht Jahrhunderten so geheimnisvoll. Gebannt von seinem friedvoll-freudigen Gesichtsausdruck stellte auch ich mich in die Schlange, um die elf Meter hohe Bronzestatue zu betreten – in der Hoffnung, dass umgekehrt auch sein Geist in mich eindringen möge.

Überdies beobachteten wir einen leuchtenden Sonnenuntergang vor der Silhouette des Fuji-Vulkans: Wir sassen zufällig am Fenster eines Restaurants auf der Enoshima-Insel ein Stück die Küste abwärts. Zu guter Letzt sahen wir dabei zu, wie in einem Strassenrestaurant kleine Oktopusse (die bereits nicht mehr lebten) zerdrückt wurden, um wie eine Waffel zwischen zwei heissen Platten gebraten zu werden. Der ausströmende Dampf erzeugte ein herzzerreissendes Pfeifen unter dem erbarmungslosen Druck der beiden Eisen. Die Greifarme des zerdrückten Tiers wurden dadurch eindrucksvoll vergrössert. Die Rückreise absolvierten wir zum Teil in einer Monorailbahn, die an einer einzelnen Schiene hoch über der Erde schwebte und bei ihrem Bau im Jahr 1970 den Leuten wohl wie ein Bild aus der Zukunft erschienen sein muss. So waren es wohl insgesamt vier Impressionen, die sich mir hier ins Gedächtnis brannten.

Zum Autor

Samuel Smith studiert Architektur im letzten Jahr und erforscht während eines Austauschsemesters in Japan einerseits die Bedeutung von Holz in der zeitgenössischen Architektur und lässt sich andererseits von den dichten Stadträumen Tokios und der Fülle an ausserordentlichen Gebäuden inspirieren. Er erhielt vom Tokyo Institute of Technology ein Kikin Scholarship und von der ETH Zürich ein Reisestipendium und wird zudem von der Schweizerischen Studienstiftung für seine Forschung unterstützt.

Quelle: Samuel Smith, ETH Life

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