Die Reise in eine kleine Welt (2)
Die Reise in eine kleine Welt: Globin und Poietin ist ein Märchen von Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz vom Schweizer Institut für Bioinformatik. Die Autoren nehmen uns mit auf die Reise durch den Körper der elfjährigen Lili. Sie leidet an Blutarmut und bekommt ein Medikament namens Erythropoietin verabreicht. Dieser Stoff regt das Knochenmark dazu an neue rote Blutzellen zu produzieren. Aber Lili ist ungeduldig und trinkt das Medikament, obwohl es eigentlich gespritzt werden muss. Und so erlebt das (Erythro-)Poietin einige Abenteuer auf dem Weg vom Magen zu seinem Bestimmungsort, dem Knochenmark.
Das Märchen veröffentlichen wir in mehreren Teilen. Teil 1 findet ihr hier. Diese Woche Teil 2: Lili will zu schnell gesund werden...
Die Reise in eine kleine Welt
Die Abenteuer von Globin und Poietin

Text und Illustrationen:
Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz
Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics
Übersetzt ins Englische von Vivienne Baillie Gerritsen
Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von CVB International
Originaltitel: « Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge »
© 2003 Vivienne Baillie Gerritsen, Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics,
ISBN 2-9700405-2-2
Das Buch "Journey into a tiny world" ist auf Englisch und Französisch erhältlich.
Anstatt, dass es ihr besser ging, schien es ihr nur schlechter zu gehen. Vor drei Tagen war Lili zuletzt beim Arzt. Sie hatte schon drei Spritzen bekommen. Sie war immer noch genauso müde und niedergeschlagen wie vorher. Ihre Freunde besuchten sie jeden Tag und brachten Geschenke und Gelächter mit. Merlin – ihr Kater – verbrachte seine Zeit ausgestreckt auf ihrem Bett. Er schnurrte und schmiegte sich an sie, gerade so, wie sie es mag ... aber nichts schien sie aufzuheitern. Sie döste den ganzen Tag nur so vor sich hin und träumte wilde, bunte Träume.
Sie konnte es kaum abwarten, sich wieder besser zu fühlen. Sie wollte unbedingt wieder mit Susi Gummitwist spielen. Sie hatte versprochen, Leon an einen Baum zu binden, und sie vermisste das Reden und das Kichern mit ihren Freunden hinter dem Rücken der Lehrer. Aber sie saß fest im Bett. Die Medizin, die ihr Doktor Neumann gegeben hatte, stand auf ihrem Nachttisch. So wie sie das sah, wirkte die Medizin überhaupt nicht. Bestimmt hätte er ihr mehr geben müssen...
Das Schlimmste war, dass sie darauf warten musste, dass er sie ihr geben würde. „Du kannst sie nicht runterschlucken,“ hatte er ihr gesagt. „Weil das Molekül ein Protein ist, würde dein Magen es nur verdauen und das würde dir nichts nützen. Wir müssen es direkt in dein Blut einspritzen.“
Wirklich…? Was wäre, wenn sie einen Schluck nehmen würde? Nur einen? Das würde ihr doch nicht schaden, oder? Und es würde ihr viel schneller besser gehen ... Lili warf einen Blick auf die Flasche. Nur einen Schluck ...

Es war ganz ruhig im Haus. Sie saß auf, schnappte sich die Flasche und schluckte alles auf einmal runter...
Dieser kurvenreiche, enge, total dunkle Tunnel, in den Poietin fiel, schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Sie konnte die schleimigen Wände spüren, die sie immer weiter runter schubsten. Dann wurde der Tunnel plötzlich weit und sie landete mit einem Bums kopf stehend auf einer flachen, feuchten Fläche. Verblüfft schaute sie sich um. Sie war anscheinend in einer Höhle gelandet. Eine riesige, feuchte Höhle ... die sehr warm war und ... sehr muffig ...„Wo bin ich?“ fragte sie sich, nahm alle Sinne zusammen und hielt ihre Nase zu.

„Dies ist überhaupt nicht der Weg, den ich doch nehmen sollte.“ Sie stand auf und machte irgend so ein klebriges Zeug von ihrem Bein ab.
„So! Jetzt hab’ ich keine Zeit zum Träumen. Ich hab’ einen Auftrag zu erledigen!“ Und sie rutschte zum zweiten Mal aus und fiel mit einem Klacks auf den Po. Wütend stand sie auf und rieb sich die blauen Flecken.
„Wer ist da?“ rief eine donnernde Stimme.
„Wer ist da? Wer ist da?“ wiederholte ein Echo.
Poietin hatte viel zu viel Angst, um zu antworten.
Eine Weile lang rührte sich nichts. Und dann hörte sie ein hackendes Geräusch ... hack ... hack ... hack. Auf Zehenspitzen ging sie auf das Geräusch zu, das scheinbar von hinter einem Hügel kam. Als sie fast da war, wurde das Geräusch lauter und lauter. Sie schaute über den Hügel ... und war erleichtert, ein anderes Protein zu sehen. Ganz so wie sie. Ein riesiges, aber sie war sich sicher, auch ein freundliches. „Vielleicht zeigt er mir den Weg,“ dachte sie sich als sie über den Hügel kletterte und ihm entgegen hüpfte. Aber ihr sorgenfreies Hüpfen wurde schnell zu einem Sprung mit Panik, als sie merkte, was der Riese da machte: er zerhackte ein anderes Protein. Albumin!

Sie lag ausgestreckt auf dem Tisch! Lili muss wohl heute Morgen ein Ei gegessen haben. Albumin wohnt im Eiweiß von einem Ei und hier ist das Schlachter-Protein und schneidet sie in klitzekleine Teilchen!
Poietin wusste nicht, was sie tun sollte. Bleiben? Weglaufen? Wenn sie noch länger bliebe, würde er sie vielleicht auch zerhacken! Aber wo könnte sie hinrennen? Sie wusste überhaupt nicht, wo sie war. Sie zitterte vor lauter Angst, aber sie schaffte ein „Hallo ...“ Die einzige Antwort, die sie bekam, war ein Grunzen. Und das Schlachter-Protein machte weiter mit seiner grausigen Aufgabe. Vielleicht ist das ja seine Art und Weise hallo zu sagen, dachte Poietin. Also räusperte sie sich und redete weiter:“Entschuldigung, könnten Sie mir sagen, wo ich hier bin?“
Er grunzte zum zweiten Mal. Poietin beobachtete, wie er systematisch weiter hackte und fragte sich, was sie tun sollte. Dann probierte sie es noch einmal. „Entschuldigen Sie ...Herr, ähem ... Ich habe einen Auftrag zu erfüllen ... einen sehr wichtigen .... Lilis Leben hängt schließlich davon ab...“
Der Schlachter hörte auf zu hacken, hielt seine Axt hoch über seinen Kopf und drehte sich um, damit er Poietin sehen konnte.

Sie schluckte, denn außer den kleinen Überresten von Albumin auf dem Tisch ... und dem Schlachter ... da war nur noch sie da. Sie fühlte sich plötzlich nicht sehr wohl und ging ganz langsam zurück, denn sie hatte Angst, dass er sie vielleicht auch zerhacken wollte.
„Ach, Sie haben viel zu viel zu tun ... Vielleicht sollte ich ...“
Der Schlachter bewegte sich in ihre Richtung und Poietin rannte weg, so schnell wie sie konnte, um sich irgendwo zu verstecken. Aber die einzige Stelle zum Verstecken war von dem riesigen Protein versperrt, und bei dem Gedanken, wieder in den schleimigen Tunnel zurückzugehen, wurde ihr schlecht. „Ich muss mich verstecken. Ich muss etwas finden, wo ich mich verstecken kann,“ keuchte sie. Zack! Die Axt des Schlachters ging ganz nah an ihr vorbei und schlug auf den Boden, wo sie stand.
„Oooooooooooooooooooooh“, schrie Poietin, als sie sich bückte um die scharfe Kante zu vermeiden. Zum zweiten Mal zischte die Axt an ihr vorbei, und zum dritten und vierten Mal, als das Monster immer näher kam. Es gab nichts, wo sie sich verstecken konnte.
Sie war in einer Sackgasse gelandet und konnte der Axt des Schlachters nicht entweichen! Jeden Moment würde auch sie gehacktes Protein werden!
Genauso wie Albumin! Die Axt war jetzt direkt über ihr. „Das ist mein Ende!“ schrie Poietin. Sie machte ihre Augen zu und wartete darauf, dass die Axt sie zerhackte...

Weiter zum dritten Teil...