Die Reise in eine kleine Welt (3)
Die Reise in eine kleine Welt: Globin und Poietin ist ein Märchen von Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz vom Schweizer Institut für Bioinformatik. Die Autoren nehmen uns mit auf die Reise durch den Körper der elfjährigen Lili. Sie leidet an Blutarmut und bekommt ein Medikament namens Erythropoietin verabreicht. Dieser Stoff regt das Knochenmark dazu an, neue rote Blutzellen zu produzieren. Aber Lili ist ungeduldig und trinkt das Medikament, obwohl es eigentlich gespritzt werden muss. Und so erlebt das (Erythro-)Poietin einige Abenteuer auf dem Weg vom Magen zum Knochenmark.
Das Märchen veröffentlichen wir in mehreren Teilen. Falls ihr neu einsteigt, lest doch Teil 1 und Teil 2.
Diese Woche Teil 3: Globin findet Poietin.
Die Reise in eine kleine Welt
Die Abenteuer von Globin und Poietin

Text und Illustrationen:
Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz
Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics
Übersetzt ins Englische von Vivienne Baillie Gerritsen
Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von CVB International
Originaltitel: « Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge »
© 2003 Vivienne Baillie Gerritsen, Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics,
ISBN 2-9700405-2-2
Das Buch "Journey into a tiny world" ist auf Englisch und Französisch erhältlich.
... als sie etwas ergriff, hoch hob and durch etwas Sanftes und Weiches zog. Poietin hatte viel zu viel Angst, um die Augen aufzumachen und zitterte vor Schrecken.

„Mach die Augen auf, du Dummchen!“ sagte eine fröhliche Stimme. Also öffnete Poietin die Augen. Ganz langsam. Sie stand in einem dämmrigen, engen Tunnel; noch viel enger als der, durch den sie gefallen war. „Hallo!“ sagte diese fröhliche Stimme wieder. „Ich bin Globin!“
Ein hübsches, rundliches Protein begrüßte Poietin. „Mann! Du bist gerade rechtzeitig gekommen!“ Poietin schnappte nach Luft. „Danke! Ohne dich würde ich jetzt auch zerbröckelt sein... Wer war dieses schreckliche Protein überhaupt?“ fragte sie Globin, als sie Klumpen aus schleimigen Modder, die an ihr hingen, abmachte.
„Oh, das war Pepsin,“ antwortete Globin unbekümmert. „Das ist sein Job. Er verbringt den ganzen Tag damit, Lebensmittel zu zerhacken.“
„Aber warum?“ fragte Poietin.
„Er gehört zu dem Teil, den du Verdauung nennst. Keiner kann ohne ihn leben. Wenn etwas zu Essen in Lilis Magen ankommt, dann ist er derjenige, der alles zerhackt...“
„ ... wie die arme Albumin ...“
„Ja ... wie Albumin ... Und die verschiedenen zerhackten Teile werden an verschiedene Stellen im Körper verschickt.“
„Warum?“
„Sie werden wie Bausteine benutzt ...“ Poietin verstand das nicht, also erklärte Globin weiter.
„Sie werden entweder benutzt, um Teile zu ersetzen, die erneuert werden müssen, oder um neue Teile herzustellen.“
„Ah ... jetzt verstehe ich ...“ Poietin verstand es eigentlich nicht, aber sie dachte an etwas anderes.
Sie hatte sich noch nicht so richtig erholt von dem Schrecken, fast selbst so ein Teil zu werden.
Globin wollte auch nicht mehr weiter erklären und schaute sich Poietin gut an.
„Wer bist du eigentlich? Du hast ganz schön Glück gehabt, dass ich da war!“
„Ich bin Poietin. Und ... ich habe ... einen Auftrag... Einen ganz besonderen Auftrag!“ sagte sie wichtig. Globin schien das überhaupt nicht zu interessieren, also redete Poietin weiter. „Ich bin hier hingeschickt worden,um das Knochenmark zu finden, wo Lili die roten Blutzellen herstellt, denn sie stellt scheinbar nicht genug her.“
„Na, das wurde aber auch Zeit!“ rief Globin. „Ich hab schon auf dich gewartet! Ich bin schon TOTAL erschöpft!“
„Oh, wieso?“ fragte Poietin.
„Weißt du denn nicht, wer ich bin?“ fragte Globin ärgerlich. Das wusste Poietin nicht und sagte gar nichts. „Ich bin Hämoglobin,“ sagte Globin nachdrücklich und drehte sich einmal ganz schnell um, um sich zu zeigen. Poietin versuchte, beeindruckt zu sein. „Ich wohne in den roten Blutzellen und ich fange die Sauerstoffmoleküle auf, die in Lilis Lungen ankommen. Und dann begleite ich sie zu anderen Teilen ihres Körpers.“

„Schau mal!“ sagte Globin und sie drehet sich langsam herum, um Poietin einen Rucksack voll Sauerstoff zu zeigen.
„Toll!“ sagte Poietin. „Du trägst ja vier von denen. Sind die nicht schwer?“
„Die sind so leicht wie Luft!“ lachte Globin und sie tanzte eine zweite Pirouette. Dann wendete sie sich wieder an Poietin und sagte ganz ernst: “Du bist überhaupt nicht da, wo du sein musst, weißt du das? Das Knochenmark, dass du angeblich finden sollst, ist Millionen von Molekülen entfernt von hier. Du machst dich mal lieber auf den Weg ... In der Zwischenzeit bin ich mal weg! Ich muss auch arbeiten! Es war schön, dich zu treffen! Wirklich! Viel Glück!“
„Hey, du kannst doch nicht weggehen!“
„Was!“
„Du kannst mich doch nicht einfach hierlassen!“
„Warum denn nicht?“
„Hilf mir, das Knochenmark zu finden!“ Poietin wollte nicht wieder allein gelassen werden und sagte noch mal ganz freundlich „Bitte!“ um höflich zu sein.
„Tut mir Leid, das kann ich nicht. Ich habe keine Zeit. Du musst den Weg alleine finden,“ erwiderte Globin herablassend.
„Willst du nun Lili helfen oder nicht?“ flehte Poietin.
„Natürlich will ich ihr helfen! Was für eine dumme Frage!“
„Nun, dann denk nach. Du lieferst den Sauerstoff, richtig?“ Globin nickte. „Also, wenn du mir hilfst, das Knochenmark zu finden, dann kann ich die roten Blutzellen herstellen und du kannst sogar dann noch mehr Sauerstoff liefern ...“ Globin hörte aufmerksam zu, während Poietin weiter drüber nachdachte: „dann könntest du der Held sein ...“
„Mmmm ... da hast du vielleicht Recht,“ überlegte Globin und wirbelte immer mehr herum. „Und alle werden über mich reden ...Und ich werde überall hin eingeladen ... Werde Feste eröffnen und Autogramme geben ...in lila Tinte ...Und ich bin im Fernsehen ... und im Radio ... und Journalisten werden über mich in Zeitschriften schreiben, und in Zeitungen ...Und irgend jemand wird bestimmt meine Autobiografie schreiben ... und ...“
Poietin unterbrach sie: „Und wenn wir nicht bald losgehen, wird Lili ganz schwer krank ...“
„Na, dann los!“ rief Globin. „Wir dürfen keine Zeit verlieren!“ Sie nahm Poietin an der Hand und die beiden verschwanden durch eine Blutader.
Weiter zum vierten Teil...