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Monatsthema

Was macht eigentlich die Chemiewehr?

08.09.2010
  
  
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Nein, keine Astronauten - auch die Chemiewehr trägt Schutzanzüge. Diese schützen vor giftigen und aggressiven Substanzen. Hier werden die Anzüge bei einer Übung mit Spezialduschen von aussen gereinigt, um eine Verschleppung der  Chemikalien zu verhindern (Photo: 
Siegfried Ltd, Zofingen)
Nein, keine Astronauten - auch die Chemiewehr trägt Schutzanzüge. Diese schützen vor giftigen und aggressiven Substanzen. Hier werden die Anzüge bei einer Übung mit Spezialduschen von aussen gereinigt, um eine Verschleppung der Chemikalien zu verhindern (Photo: Siegfried Ltd, Zofingen)

Nico kontrolliert ein letztes Mal seine Ausrüstung, bevor er sich ins Gebäude wagt. Er prüft den Sitz von Helm und Schutzmaske und atmet ein paarmal tief durch – die Pressluft seines Atemschutzgerätes strömt in seine Lungen. Das Führungsseil am breiten Gürtel seines Schutzanzuges hält. Helmlampe, Hammer, Handschuhe, alles in Ordnung. «Adler von Nico, Verbindungskontrolle», spricht er ins integrierte Funkgerät. Nicht zuletzt von dieser Verbindung wird seine sichere Rückkehr und jene seiner Kollegen und möglicher Betroffener abhängen.


Seine Aufgabe ist nicht zu unterschätzen: Aus einer Produktionsanlage eines Chemiewerkes treten Gas und giftige Dämpfe aus und verbreiten sich allmählich im ganzen Produktionsgebäude. Die Sichtweite beträgt höchstens zwei Meter. Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht klar, ob sich im Innern Werkmitarbeiter aufhalten und ob bereits erste Opfer zu verzeichnen sind. Dann geht Nico voraus und verschwindet, gefolgt von seinen beiden Kameraden, im sich ausbreitenden Nebel.

Was wir bereits wissen: Nico wird diesen Einsatz unbeschadet überstehen, und Opfer werden zum Glück keine zu beklagen sein. Denn es ist nur eine Übung in einem bekannten Schweizer Chemieunternehmen. Was hier geprobt wird, ist ein typisches Szenario für den Einsatz der Chemiewehr. Oder war das jetzt die Feuerwehr? Sie sahen auf jeden Fall so aus.

Feuerwehr oder Chemiewehr?

Die Chemiewehr ist eine Fachabteilung der Feuerwehr, und man könnte folgende Definition aufstellen: Jeder Angehörige der Chemiewehr ist auch Feuerwehrmann (seltener Feuerwehrfrau), aber nicht jeder Feuerwehrmann gehört zur Chemiewehr. Es gibt auch sonst wichtige Unterschiede zur Feuerwehr:

  • Feuer ist fast nie im Spiel, Wasser aber häufig (z.B. zum „Herunterwaschen“, also Lösen von Dämpfen und Gasen).

  • Anlass zum Ausrücken ist meistens der Austritt von gefährlichen Stoffen aller Art, egal ob gasförmig, flüssig oder in fester Form.

  • Für Aussenstehende sieht der Einsatz eher unspektakulär aus, da meist kein Feuer im Spiel ist.

  • Angehörige der Chemiewehr arbeiten häufig im einem chemischen Beruf. Sie leisten ihren Dienst in der Chemiewehr der Firma oder in einer Gemeinde.

Ein häufiger Grund für ein Aufgebot sind Unfälle im Strassenverkehr, in die Lastwagen mit gefährlicher Ladung verwickelt sind. Diese Fahrzeuge lassen sich gut an der Kennzeichnung mit einer orangen Warntafel und den Gefahrensymbol erkennen. Ursache können aber auch undichte Leitungen in Industriebetrieben sein, die falsche Handhabung von gefährlichen Materialien oder durch Stapler beschädigte Chemiefässer. Übrigens: Auf einer viel grösseren Skala sind die Ölkatastrophe im Golf von Mexico oder der Vulkanausbruch auf Island nichts anderes als Chemieunfälle.

Erste Priorität: Retten

Wie läuft denn ein solcher Einsatz ab? Drei Grundsätze legen das Vorgehen klar fest:

  1. Menschen und Tiere retten;
  2. Sachwerte (Gebäude, Gegenstände) und die Umwelt schützen;
  3. Reinigen und aufräumen.

Nehmen wir das Beispiel eines Verkehrsunfalls: Ein Tanklaster mit Benzin ist umgekippt und läuft aus. Wenn keine Menschen (oder Tiere) in Gefahr sind, wird sichergestellt, dass sich das Benzin nicht ausbreitet, d.h. es wird in geeigneten Gefässen direkt beim Leck aufgefangen. Was schon ausgelaufen ist, wird mit speziellen Bindemitteln aufgesaugt. Danach wird das Leck selber abgedichtet und der restliche Tankinhalt in ein anderes Fahrzeug umgepumpt; schliesslich geht es ums Aufräumen und Putzen der Unfallstelle. Einsätze der Chemiewehr dauern meist sehr lange, da diese Tätigkeiten aufeinander abgestimmt werden müssen. Die gefährliche Situation muss laufend beurteilt werden. Die Chemiewehr arbeitet dabei mit andern Notfallorganisationen wie Feuerwehr, Polizei und Ambulanz zusammen.

Wer geht zur Chemiewehr?

Es sind vorwiegend Leute mit einer naheliegenden beruflichen Spezialisierung, welche freiwillig der Chemiewehrgruppe einer Betriebsfeuerwehr beitreten können: Laboranten, Chemiker und andere naturwissenschaftlich ausgebildete Mitarbeitende mit abgeschlossener Lehre. Es liegt in der Natur der Sache, dass Frauen eher am Sanitätsdienst Gefallen finden, während Männer etwas «Action» bevorzugen. So oder so leisten alle Angehörigen von Feuerwehren und deren Fachabteilung einen enorm wichtigen Beitrag zur Sicherheit ihrer Kolleginnen und Kollegen sowie der Bevölkerung, aber auch zum Schutz von Umwelt, Gebäuden und Anlagen.

Quelle: Siegfried Ltd, Zofingen