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Auf Architekturpirsch in Japan (1/4)
 Im Stadtviertel Asakusa findet man auch traditionelle Gebäude. (Bild: Wikimedia Commons)
Als Austauschstudent in Tokio erkundet Samuel Smith das Land per Velo, U-Bahn und Hochgeschwindigkeitszug. Dabei stellt der angehende Architekt fest, dass nicht alle Gebäude aussehen wie auf den Fotos.
Nach meiner Ankunft in Tokio Mitte September wohnte ich zunächst in einer Jugendherberge in Asakusa (einem der ältesten Stadteile Tokios mit einem bedeutenden Tempel) direkt neben einem Vergnügungspark. Während dieser ersten grauen Tage sah ich manchmal vom Fenster meines Schlafsaals aus ein paar Erwachsenen oder einem einsamen Buchhaltertyp bei der Achterbahnfahrt zu. Bald jedoch tat ich mich mit einem Freund aus meiner früheren Universität zusammen, dem ich in der Herberge über den Weg gelaufen war, und wir erkundeten die Stadt. So machten wir uns beispielsweise schon im Morgengrauen zum Tsukiji-Fischmarkt auf, wo wir frisches Sushi zum Frühstück assen.
Holzbalken und Sandhügel
Im wunderbaren Shinkansen-Superexpress mit seinen tadellos gekleideten Schaffnern, die die Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen mit einer Verbeugung begrüssen und verabschieden, fuhren wir nach Kyoto. Bei meinem kurzen Aufenthalt in Kyoto faszinierten mich vor allem der Kiyomizu-dera, ein Tempel, der an einem Hang auf einer riesigen hölzernen Balkenkonstruktion ruht, der Ginkaku-ji oder Tempel des Silbernen Pavillons, der inmitten eines idyllischen Gartens mit sonderbar konischen Hügeln aus weissem Sand gelegen ist, sowie die Nijo-Burg mit ihren glänzenden, quietschenden Holzdielen, die man nur in Socken betreten darf. Bei einem Spaziergang durch das traditionelle Viertel Gion sahen wir sogar einige Geishas in hölzernen Sandalen mit komplett weiss geschminkten Gesichtern.
Doch ich wollte nicht allzu lange hier verweilen, sondern so schnell wie möglich weiter nach Oita im Westen Kyushus. Der Hauptgrund meiner Reise nach Kyushu war, dass ich endlich die frühen Bauwerke von Arata Isozaki aus den Sechziger- und Siebzigerjahren sehen wollte. Ich hatte von ihm erst kurz vor meiner Abreise nach Japan erfahren und war von den körnigen Schwarz-Weiss-Fotografien seiner Präfekturbibliothek in Oita hingerissen. Als ich dann vor der Bibliothek und vor seinem Golf-Clubhaus ausserhalb Oitas stand, musste ich feststellen, dass man die Bauten erheblich verändert hatte und dass dabei die räumliche Wirkung der ursprünglichen Konzeption ein wenig verloren gegangen war. Ein anderer Architekturstudent, der sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Bauten der Metabolisten mit der Zeit gewandelt haben, erklärte mir später, dass man hier, ohne mit der Wimper zu zucken, jene Meilensteine zerstöre, die auf der ganzen Welt in den Architekturgeschichtsvorlesungen eine so wichtige Rolle spielen, denn erst, so sagte er, wenn Gebäude mehrere hundert Jahre alt seien, hätten sie eine Chance, unter Denkmalschutz gestellt zu werden.
Schlafende Reisende
Mein Austausch mit der Architekturabteilung des Tokyo Institute of Technology begann offiziell im Oktober, und er begann gleich richtig heftig mit einem gigantischen Berg Formulare. Ich wurde herzlich im Labor von Professor Koichi Yasuda begrüsst, der hier mein Tutor ist. Im Labor sind etwa zwanzig Studierende, fünf davon kommen aus dem Ausland. Von einem intensiven Workshop in den letzten beiden Oktoberwochen einmal abgesehen, ist das Universitätsleben bisher recht geruhsam verlaufen – genug Zeit also für Ausflüge und Abenteuer.
Ich lebe in einem Wohnheim für ausländische Studierende etwa 20 km vom Campus entfernt inmitten der Tokioter Schlafstädte, die sich nach Yokohama hinein erstrecken. Ich hatte vorher noch nie im „Speckgürtel” einer grossen Metropole gewohnt. Viel Zeit in den Vorortszügen zu verbringen hat mir die Augen für eine andere Art von Alltag geöffnet. Die U-Bahn in Tokio ist ja berühmt für ihre schlafenden Fahrgäste: Eines späten Abends sah ich einen Mann, der sich in einem überfüllten Zug an den Haltegriff klammerte und gegen seine Erschöpfung kämpfte. Das Rütteln des Zuges und die Vorboten des Schlafes liessen ihn in einen eigenartigen Tanz verfallen, während ihm der Speichel aus dem Mund lief. Ich selbst bin nur einmal im Zug eingeschlafen (nach einer Nachtschicht am Schreibtisch). Sonst aber habe ich mir angewöhnt, viel zu lesen: Bücher, die mir Freunde und Verwandte für die Reise geschenkt haben.
Velotouren
Eines Morgens kam ich zu meinem Velo im Veloschuppen auf dem Universitätscampus, wo es normalerweise abgestellt ist, und es war frisch gewartet! Die Universitätstechniker hatten während des Wochenendes offenbar die geparkten Velos auf Vordermann gebracht. Ich hatte meines gleich zu Anfang gebraucht in einem Veloshop gekauft. Ich liess es bei der Stadt und der Universität registrieren, um mir keine Sorgen machen zu müssen, wenn es irgendwo abgestellt ist. In der Gruppe oder allein habe ich schon ein wenig Tokios enge Gassen und breite Boulevards erkundet und mich dabei auch einige Male (besonders nachts) verirrt. Manchmal wird mir fast schwindelig, wenn ich eine der grossen Hauptverkehrsadern überqueren muss oder auf einer Seitenstrasse unter einer Doppeldecker-Autobahnbrücke hindurchschlüpfe.
Mein grösstes Veloabenteuer war bislang, den Kreis der Yamanote-Linie abzufahren, eine Rundroute der Bahn im Herzen Tokios. Ein anderer Austauschstudent von der ETH in Zürich hatte die 30 km lange Tour organisiert, die unsere 13-köpfige Truppe einen ganzen Tag lang durch die unterschiedlichsten Stadtviertel führte: Verschlafene Gässchen wechselten sich mit von Menschen wimmelnde Hauptstrassen ab. Deshalb kann ich von mir behaupten, dass ich mir auf einem Velo ohne Gangschaltung mit einem Sattel, der für eine Ganztagestour nicht der allerbeste war, die japanische Hauptstadt im Schweisse meines Angesichts erarbeitet habe.
Zum Autor
Samuel Smith studiert Architektur im letzten Jahr und erforscht während eines Austauschsemesters in Japan einerseits die Bedeutung von Holz in der zeitgenössischen Architektur und lässt sich andererseits von den dichten Stadträumen Tokios und der Fülle an ausserordentlichen Gebäuden inspirieren. Er erhielt vom Tokyo Institute of Technology ein Kikin Scholarship und von der ETH Zürich ein Reisestipendium und wird zudem von der Schweizerischen Studienstiftung für seine Forschung unterstützt.
Quelle: Samuel Smith, ETH Life
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