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Im Land des Donnerdrachens (1/4)
 Vivanne Dubach hat sich nach ihrer Ankunft schnell in Bhutan eingelebt und bereits Freundschaften geschlossen. (Bild: Vivanne Dubach, ETH Zürich)
Es braucht nicht unbedingt die beste Ausrüstung und Vorbereitung. Einmal angekommen, ergibt sich alles wie von selbst, erfährt Vivanne Dubach. Die ETH-Studentin hat soeben ihr Masterpraktikum begonnen - in einem ebenso sagenumwobenen wie für die meisten Menschen noch recht unbekannten Land: Bhutan.
«Schreib mir mal, wenn du Zeit hast. Würde mich interessieren, was du da so erlebst.» Diesen Satz habe ich im letzten Vierteljahr und besonders in den letzten Wochen oft zugetragen bekommen. Verständlich, da es sich bei Bhutan um eines der sagenumwobensten Länder der Welt handeln dürfte. Seit einigen Tagen bin ich nun in Thimphu, der Hauptstadt von Bhutan, einem Land, das nur etwas kleiner ist als die Schweiz ist.
Doch nicht nur die Grösse verbindet Bhutan mit der Schweiz. Die Schweizerische Hilfsorganisation Helvetas, für die auch ich arbeiten werde, führt seit 1975 die meisten von der Schweiz gesponserten Projekte durch. Durch die gute Zusammenarbeit hat sich zwischen den beiden Ländern eine starke Verbundenheit entwickelt. Diese positive Einstellung der Schweiz gegenüber habe auch ich in der kurzen Zeit meiner Anwesenheit bereits zu spüren bekommen. Sofort bekommt man Geschichten von Erlebnissen in oder mit der Schweiz erzählt, kaum dass man den Namen seines Heimatlandes genannt hat.
Mit meiner Ankunft finden nun monatelange Vorbereitungen ihr Ende. Monatelanges Hoffen, Bangen und Warten. Am 1. September bin ich in Paro gelandet, angekommen aber bin ich noch lange nicht. Die ersten Eindrücke prasseln auf mich ein. So viel habe ich in den letzten sechs Monaten gelesen, betrachtet, gehört. Jetzt aber ist alles anders. Sekunde um Sekunde nehme ich nur eines wahr: Ich bin da, endlich da. Und alles ist mir fremd. Der Geruch, das Licht, der Tonteppich, in dem sich mein Körper noch wie schlafwandlerisch bewegt.
Abenteuerliche Vorbereitung
Ausgerüstet bin ich auf die mir bestmöglichste Weise, immerhin verbrachte ich die letzten sechs Monate im Bemühen, die mir zur Verfügung stehenden zwanzig Kilogramm plus Handgepäck optimal zu nutzen. Dazu betrat ich Läden, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, blätterte durch Kataloge, deren Produktbeschreibungen mir ebenso wenig sagten wie ein Text in Altgriechisch. Ich liess mich von dutzenden von Profis beraten, während ich das Gefühl hatte, an der Laienkrankheit zu sterben. Die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Schlafsacksysteme sind mir nun ebenso vertraut, wie die Eigenschaften, auf die man beim Kauf von Hightech Socken achten muss.
Zur Einkaufstour in unbekanntem Gelände kamen der medizinische Hindernislauf sowie die bürokratische Sisyphusarbeit dazu, wobei mir Helvetas letztere zum Glück weitestgehend abgenommen hatte. Das alles scheint mir im Nachhinein wie eine gigantische Prüfung, die man bestehen muss, um sich überhaupt ins Abenteuer stürzen zu dürfen. Jetzt, nach meiner Ankunft, betrachte ich diese Hektik wie aus weiter Ferne, was gar nicht so erstaunlich ist, bin ich doch wirklich weit entfernt von der Schweiz.
Alle Vorbereitungsarbeiten noch frisch im Gedächtnis, habe ich mich auf die Reise gemacht. Meine Gedanken kreisten um Eventualitäten, meine Aufregung hielt ich mit der Litanei der Ratio in Schach, mit meiner Ausrüstung auf alles vorbereitet zu sein, während mein Herz doch frei neben mir her flog und sich einfach nur freute. Sobald ich aber das Land betreten, den Flughafen verlassen und die ersten Eindrücke in mich aufgesogen hatte, fielen all diese Gefühle von mir ab wie Zwiebelschalen, die sich lösen. Für Freude war ich zu müde, für jede andere Empfindung auch. Was übrig blieb war das Gefühl, wie unnötig all diese Überlegungen waren. Ich erkannte, wie eingebildet ich war. Eingebildet, weil ich mich sechs Monate lang damit beschäftigt hatte, die beste Ausrüstung zusammenzustellen, die ich mir leisten konnte. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen. Schliesslich leben die Menschen hier auch, ohne sich solcher Dinge zu erfreuen.
Ein Frage der Einstellung
Die Stadt hatte mich vergessen lassen, dass es auch einfacher geht, dass es nicht auf die Technologie, sondern auf die Einstellung ankommt. Zwar würde ich mich ohne Zweifel über die Wärme und den Komfort meines neuen Schlafsackes freuen, doch wurde mir in diesem Moment klar, dass die Anschaffung nicht lebensnotwendig gewesen war. Irgendwie geht es immer. Dieses Gefühl beherrschte mich, bis ich meine Wohnung bezog und einschlief. Es rief in mir eine ganz andere Freude hervor als jene, die ich bis dahin gefühlt hatte. Es war eine Freude, die sich aus der Erkenntnis ergab, dass die Distanz tatsächlich bereits zu wirken begann, dass ich mich vom Denken des Schweizer Alltags bereits entfernte.
Nun erst fühle ich mich bereit, mich vollkommen auf das einzulassen, was mich hier erwartet.
Zur Autorin
Vivanne Dubach studiert Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich und absolviert zurzeit ihr sechsmonatiges Masterpraktikum bei Helvetas, der Schweizer Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, in Bhutan.
Quelle: Vivanne Dubach, ETH Life
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