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Bürokratie statt Exotik (1/4)

01.09.2010
  
  
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In einem afrikanischen Nationalpark muss man damit rechnen, dass neugierige Affen ihren Weg in die wenigen Bauten für Menschen finden und von dort mitnehmen, was verlockend riecht oder glitzert... (Bild: J.-D. Gerber, Saadani National Park)
In einem afrikanischen Nationalpark muss man damit rechnen, dass neugierige Affen ihren Weg in die wenigen Bauten für Menschen finden und von dort mitnehmen, was verlockend riecht oder glitzert... (Bild: J.-D. Gerber, Saadani National Park)

Löwen, Gazellen, Giraffen und viel Natur in Tanzanias Saadani-Nationalpark: ETH-Doktorandin Judith Sitters forscht an einem Ort, von dem viele nur träumen. Doch die bürokratischen Hürden sind oft ein wahrer Albtraum, schreibt die Forscherin in ihrem ersten Beitrag für ETH Life-«Globetrotter».


Seit dem Jahr 2000 betreibt die Gruppe Pflanzenökologie des Instituts für Integrative Biologie der ETH Zürich Forschung in Tansanias Saadani-Nationalpark. Als die ersten Doktoranden mit der Forschungsarbeit begannen, gab es hier noch nichts – kein bewohnbares Haus, keine befahrbaren Strassen, kein sauberes Wasser, kein Mobilfunknetz. Aus dem Nichts stellten sie eine Forschungsinitiative auf die Beine, die nunmehr seit zehn Jahren besteht. Ich bin eine von zwei Doktorandinnen der dritten Generation und arbeite hier mit meiner Kollegin Annette zusammen.

In den ersten zwei Jahren meiner Doktorarbeit reiste ich jeweils für drei bis vier Monate nach Saadani. Die Küste von Tansania erlebt jedes Jahr zwei Trockenperioden, in denen wir unsere Feldforschung betreiben, denn die Strassen sind in der Regenzeit unbefahrbar. Meine Doktorarbeit befasst sich mit dem Nährstoffzyklus im Ökosystem der Savanne und den Auswirkungen, die Pflanzenfresser wie Huftiere auf die räumliche Verteilung dieser Nährstoffe haben. Indem sie die Vegetation an einem Ort fressen und Dung an einem anderen produzieren, transportieren sie Nährstoffe überall im Ökosystem. Mein Hauptziel ist es, diesen In- und Output in der Region zu kartieren, damit wir den Nährstoffhaushalt in Savannen besser verstehen.

Vor Ort führe ich dazu während einer bestimmten Zeit mehrere Experimente durch. So erhebe ich Daten über die Vegetationszusammensetzung, Pflanzenbiomasse, welche die Herbivoren beseitigen, über Feuer-Praktiken bei Bränden, Pflanzenwachstum, die Verteilung des Herbivoren-Dungs usw. Ich sammle zahlreiche Vegetations-, Boden- und Dungproben, die ich später im Labor der ETH auf Nährstoffe untersuche. In den Monaten, in denen ich keine Feldforschung betreibe, sitze ich an meinem Computer an der ETH, um Statistiken über meine Daten zu erstellen und mich auf die nächste Feldarbeit vorzubereiten.

Feldarbeit in Tansania ist abenteuerlich, bereichernd und natürlich sehr eindrucksvoll. Dennoch fordert sie mich stets heraus. Die erste Prüfung beginnt schon vor der Ankunft im Land. Forschende benötigen eine offizielle Forschungsgenehmigung, bevor sie in Tansania einreisen und sich in den Park, in dem sie zu arbeiten beabsichtigen, begeben dürfen. Sich eine solche Bewilligung zu beschaffen, kommt allerdings einem bürokratischen Hürdenlauf gleich, dem man nicht zum Opfer fallen möchte. Zuerst muss man sich beim Tanzanian Wildlife Research Institute (TAWIRI) um eine Forschungsgenehmigung bewerben und drei Monate vor der geplanten Feldarbeit einen Forschungsplan und ein Antragsformular einsenden. TAWIRI beruft viermal jährlich ein Meeting ein, bei dem Forschungsanträge diskutiert werden. Die Daten dieser Meetings sind jedoch nicht in Stein gemeisselt und können aus unklaren Gründen variieren. Es könnte also sein, dass gerade in dem Jahr, für das man seine Reise geplant hat, aus unerfindlichen Gründen nur zwei Meetings vorgesehen sind.

Dennoch weist das Institut einen in einer E-Mail höflich darauf hin, dass das Meeting Mitte eines bestimmten Monats stattfinden wird, um einem zwei Monate nach dem geplanten Meeting ganz schamlos mitzuteilen – nach unzähligen E-Mails und Telefonaten mit Sekretärinnen, die offenbar keine Ahnung haben, was in ihrer Organisation vor sich geht –, dass das Meeting um drei Monate verschoben wurde. Selbstverständlich hat man das Flugticket aber bereits gekauft und wird schliesslich mit einem normalen Touristenvisum ins Land einreisen. Einmal im Nationalpark angekommen, wird der hauptverantwortliche Parkaufseher nicht verstehen, weshalb man keine Forschungsgenehmigung hat, und er wird sagen, dass man als Touristin die normalen Besuchergebühren bezahlen muss und das Auto nicht verlassen darf.

Bestenfalls findet das Meeting wie geplant statt und TAWIRI gewährt einem eine Forschungsgenehmigung. Anschliessend schickt TAWIRI ein Empfehlungsschreiben an die nächste Organisation, die Commission of Science and Technology (COSTECH), die eigentlich die Genehmigung ausstellt. Auch hier werden die Verantwortlichen ein Meeting abhalten müssen, das leider aus ähnlich unklaren Gründen einer Terminverschiebung unterliegt. Schliesslich muss man nach Dar-es-Salaam reisen, um die Forschungsgenehmigung persönlich abzuholen, und von da aus geht‘s direkt zur Einwanderungsbehörde, um eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen, weil man sich ja immer noch als Touristin im Lande aufhält.

Beim Eintritt ins Büro der Einwanderungsbehörde heisst einen eine Kaltluftwelle aus der Klimaanlage willkommen. Hier begegnet man einem Durcheinander von verschwitzten Körpern, die alle herauszufinden versuchen, an welchen Schalter sie gehen müssen. Das Konzept des Schlangestehens hat Afrika noch nicht erreicht; man muss sich mit Ellbogen durch die Menge nach vorne kämpfen und die Hand durch das Schalterfenster strecken, ehe jemand auf die Idee kommt, einem die Füsse unter den Beinen wegzutreten. Die Schalter-Beamtinnen (wenn sie nicht gerade Pause machen und Chai trinken) können, ausser nach Formularen zu schreien, keine Auskunft geben: «Welches Formular benötigen Sie?» «ALLE FORMULARE! GEBEN SIE MIR DIE FORMULARE!», «…?» Da steht man also, gegen den Schalter gepresst, hinter einem eine Horde drängelnder Tansanier, in der Hoffnung, dass mit alle Formulare die vier Formulare gemeint sind, die man in der Hand hält. Nach einem kurzen Blick auf die Formulare werden sie hinter der Beamtin auf einen Stapel weiterer Formulare geworfen, der, wie es scheint, schon seit Weihnachten daliegt. Dann erhält man die Anweisung, in ungefähr zwei Wochen wiederzukommen, um seine Genehmigung abzuholen.

Zwei Wochen später kehrt man an den Schalter zurück. Die Lady greift nach dem Stapel von Formularen, um nachzusehen, ob meine noch da sind (haben sich die Formulare inzwischen irgendwohin auf die Socken gemacht? Das ist die grosse Frage…). Mit einiger Hilfe meinerseits, denn nach dreimaligem Durchsehen des Stapels hat sie meinen Antrag noch immer nicht gefunden, wird man schliesslich für die Bezahlung an den nächsten Schalter beordert. «Geben Sie mir das Geld!», «Mmh, alles Geld?», «GELD!» Handelt es sich um brandneue Dollarnoten, müssen anscheinend jeder Text und alle Zahlen der Noten in ein grosses Buch eingetragen werden, das Text und Zahlen von vielen, vielen Dollarnoten enthält. Nach der Bezahlung sollte man die Genehmigung eigentlich sofort in Empfang nehmen können. Doch in der Hälfte der Fälle muss man am Tag darauf an den Schalter zurückkehren, und bei der Hälfte dieser Tage scheint es sich um Feiertage zu handeln, an denen das Büro geschlossen hat.

Man ist nun an einem Punkt angelangt, an dem man müde und ungeduldig wird, und man versucht den Behördenmitgliedern zu erklären (mit der süssesten ungeduldigen Stimme), dass man die Genehmigung wirklich noch heute braucht und nicht zwei weitere Tage in Dar warten kann, bis das Büro wieder öffnet. Es ist eine regelrechte Gratwanderung bei der Einwanderungsbehörde: Man möchte nicht zu schnell klein beigeben, andererseits will man nicht zu hartnäckig drängen und sich mit gehässigen Amtspersonen anlegen, in deren Händen das Schicksal seiner Genehmigung liegt.

Am Ende warteten Annette und ich im Büro der Einwanderungsbehörde bis weit über die Schliessungszeit hinaus (die unsinnigerweise schon um zwei Uhr nachmittags ist), weil wir beschlossen hatten, nicht zu gehen, bevor wir unsere Genehmigung erhalten. Unsere sehr gehässige Schalter-Lady hat uns schliesslich unsere Genehmigung überreicht, und nach viel Fragerei, Bettelei und Gebrüll unsererseits auch den langersehnten Stempel in unsere Pässe geknallt. Später dann haben wir gemerkt, dass sie die Genehmigung aus Rache nur für elf Monate statt für ein Jahr ausgestellt hat. Zum Glück bekamen wir die Lady wieder zu Gesicht, da Forschungsgenehmigungen nur für maximal ein Jahr ausgestellt werden. Machen wir doch nur unsere Doktorate dort …

Zur Autorin

Judith Sitters stammt aus den Niederlanden, obwohl sie in Sambia und Kenia aufgewachsen ist. Im September 2008 kam sie an die ETH Zürich, um hier ihre Doktorarbeit in der Gruppe für Pflanzenökologie zu beginnen. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Auswirkungen von Pflanzenfressern auf den Nährstoffkreislauf in der Feuchtsavanne des Saadani-Nationalparks von Tansania. Sie reist deshalb zweimal pro Jahr für mehrere Monate nach Ostafrika, um dort ihre Feldarbeit durchzuführen. Zurzeit weilt sie wieder in Tansania für ihre letzte Feldsaison, ehe sie die restlichen Monate ihrer Dissertation vor dem Computer an der ETH verbringen wird. Ihre Doktorarbeit soll im September 2011 abgeschlossen sein.

Quelle: Judith Sitters, ETH Life

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