Optische Täuschungen: Wenn das Gehirn sich täuscht!

Schau dir dieses Bild an. Kannst du sagen, welcher der beiden orangen Kreise grösser ist? Natürlich der rechte, denkst du? Falsch! Beide Kreise haben genau dieselbe Grösse! Doch wie ist das möglich?

Die zwei orangen Kreise erscheinen nicht gleich gross, aufgrund der blauen Kreise, die sie umgeben.

Die Ebbinghaus-Illusion. Bild: Wikimedia Commons

Wie die meisten Leute bist du auf eine optische Täuschung hereingefallen. Davon gibt es eine ganze Menge, und sie alle schaffen es deine Wahrnehmung zu täuschen…

In Tat und Wahrheit wird das Bild wahrheitsgetreu von unserem Auge eingefangen und zum Gehirn weitergeleitet. Dieses macht sich nun daran, das Bild zu interpretieren und zu analysieren. Erst an diesem Punkt begreifen wir es. Die optische Täuschung setzt Mechanismen in Gang, die diese Bildanalyse im Gehirn stören und schliesslich zu einer falsch wahrgenommenen Realität führen…

Die Sinne und das Gehirn: die Wahrnehmung der Umgebung

Unsere Umgebung bombardiert uns ununterbrochen mit Informationen und Reizen, die insbesondere von unseren fünf Sinnen wahrgenommen werden: dem Sehsinn, dem Gehörsinn, dem Geruchssinn, dem Tastsinn und dem Geschmackssinn. Die aufgenommenen Informationen werden über Nervensignale an unser Gehirn weitergegeben. Auf diese Art und Weise werden wir uns äusseren Ereignissen überhaupt erst bewusst. Das Sehen zum Beispiel ist ein äusserst komplexer Prozess. Bevor wir überhaupt merken, dass wir ein Bild betrachten, durchläuft dieses mehrere Etappen von unserem Auge bis zu unserem Gehirn. Es ist ein komplexer Weg, auf dem manchmal Verwirrungen auftreten können.

Das Bild: Ein Puzzle, das unser Gehirn rekonstruieren muss

Schau dir noch einmal die beiden oben abgebildeten Blumen an. Als erstes wird das Bild auf die Netzhaut (Retina) projiziert, einer Zone des Auges, die mit Lichtsinneszellen bedeckt ist. Diese Zellen nehmen die visuellen Informationen auf (genauer gesagt die elektromagnetische Strahlung, also Licht, das von einzelnen Punkten eines Gegenstands, den man betrachtet, reflektiert wird) und wandeln sie in Nervensignale um. Das Bild wird so in mehrere parallele Nachrichten aufgeteilt. Der Sehnerv wirkt nun als Vermittler und überbringt diese Nachrichten in eine Hirnregion, die als der visuelle Kortex bezeichnet wird. Die zerteilten Informationen werden dort zusammengesetzt, um das Bild zu rekonstruieren, also wiederherzustellen. Für diese Rekonstruktion werden unser Gedächtnis, unsere Erlebnisse, unsere Erfahrungen und unsere Gefühle hinzugezogen. Daher ist sie für jeden verschieden. Es ist das Bild dieses rekonstruierten Puzzles, das wir schlussendlich wirklich wahrnehmen, und nicht direkt das eigentliche Bild (mehr Informationen findest du im Artikel „Das Auge – unser Fenster zur Aussenwelt“ und „Was ist Licht? Und wie ermoeglicht es uns zu sehen?“).

Wir empfinden auch Schmerz, Hitze oder Kälte und verfügen über einen Gleichgewichtssinn. Mehr Informationen zu unseren Sinnen findest du im entsprechenden Artikel im Dossier des Brain Bus.

Der Buchstabensalat ergibt für unser Gehirn durchaus einen Sinn.

Der Buchstabensalat ergibt für unser Gehirn durchaus einen Sinn.

Wenn das Gehirn sich täuscht…

Unser Gehirn muss eine unglaubliche Anzahl von Informationen verarbeiten. Zusätzlich muss es auch noch schnell und effizient arbeiten. Da ist es nicht verwunderlich, dass es sich auch mal täuschen kann!

Das Zusammensetzen eines Bildes im visuellen Kortex geschieht schnell. Das Gehirn rekonstruiert es mental dank unseres Gedächtnisses und unserer Erfahrungen, durch Annahmen und Schlussfolgerungen. Manchmal, wenn visuelle Informationen unvollständig sind, beispielsweise wenn du ein Wort liest, bei dem die Buchstaben vertauscht sind (siehe nebenstehendes Bild), füllt das Gehirn die «Lücken» indem es im Gedächtnis nach einem Mittel sucht, dem Gesehenen einen Sinn zu geben.

Manchmal macht das Gehirn während des Zusammensetzens des Bildes allerdings Wahrnehmungsfehler oder falsche Annahmen. Dann treten optische Täuschungen auf; unsere Wahrnehmung entspricht nicht der Realität.

Erklären wir nun also endlich das Beispiel der zwei Blumen: die optische Täuschung wird durch die blauen Kreise hervorgerufen, die die orangen umgeben. Tatsächlich nimmt unser Gehirn an, dass der linke orange Kreis klein ist, weil er von grossen Kreisen umgeben ist, während der rechte grösser erscheint, da er von den kleinen blauen Kreisen hervorgehoben wird. Aus diesem Grund interpretiert unser Gehirn das Bild falsch und lässt uns einen Grössenunterschied wahrnehmen.

Diese Täuschung scheint aber durch unsere visuelle Erfahrung beeinflusst zu sein: Forscher fanden heraus, dass beispielsweise Ureinwohner aus gewissen Teilen Afrikas diese Täuschung wesentlich schwächer wahrnehmen als Europäer. Runde Objekte spielen in deren Alltag kaum eine Rolle. Auch Kinder lassen sich weniger täuschen als Erwachsene. Sie betrachten einzelne Teile eines Bildes eher isoliert, während Erwachsene vermehrt den Bildkontext einbeziehen und die einzelnen Teile vergleichen.

Hast du Lust zu testen, ob dein Gehirn sich beim Betrachten anderer erstaunlicher Bilder täuscht? Dann wag dich an die Galerie mit den Bildern aus dem Album der optischen Täuschungen!

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