Warum bekommen wir bei bestimmten Geräuschen Gänsehaut?

Jagt dir das Quietschen von Kreide auf der Wandtafel oder das Kratzen der Gabel auf dem Teller einen Schauder über den Rücken? Damit bist du nicht allein. Manche Geräusche lösen bei den meisten Menschen ein äusserst unangenehmes Gefühl und Gänsehaut aus. Aber warum eigentlich? Der Grund liegt darin, wie unser Gehirn diese Geräusche verarbeitet.

Mädchen an der Wandtafel

Das Quietschen von Kreide auf der Wandtafel ist für viele Menschen unausstehlich. Bild: CanStockPhoto

Bei einem harmlosen Quietschgeräusch zu erschaudern, ist eigentlich unlogisch – schliesslich tut uns die Kreide oder das Messer nichts Böses. Doch diese Reaktion stammt noch aus der Urzeit. Laute und schrille Geräusche sind meistens mit Gefahr verbunden. Bei Tieren sträubt sich in solchen Momenten automatisch der Pelz, damit sie grösser und angsteinflössender wirken. Uns Menschen fehlt dazu das Fell, trotzdem haben auch wir diese angeborene Reaktion auf unangenehme Geräusche: Unsere Körperhaare stellen sich auf und wir bekommen eine Gänsehaut.

Eine Reaktion aus der Urzeit

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass in solchen Momenten eine Region unseres Gehirns ganz besonders aktiv ist: das sogenannte limbische System und die dazugehörige Amygdala, eine kleine, mandelförmige Hirnregion. Das limbische System schaltet sich immer dann ein, wenn wir Gefühle verarbeiten. Am stärksten reagiert die Amygdala auf Geräusche, die sehr hoch sind, nämlich zwischen 2000 und 5000 Hertz. Das ist dieselbe Tonlage wie ein hohes Kreischen oder Schreien, das normalerweise eine Gefahr bedeutet. Bei Schreien macht es wiederum Sinn, dass wir zusammenzucken und erschaudern. Für unser Gehirn heisst diese Tonlage also in jedem Fall erst einmal „Alarm!“, selbst wenn es sich in Wahrheit nur um Kreidequietschen handelt.

Unsere Erfahrungen spielen mit

Nicht für jeden ist aber jedes Geräusch gleich angenehm oder unangenehm. Vielleicht gehörst du zu denen, die sich kaum die Fingernägel feilen können, weil das Geräusch unausstehlich ist, während deine Freunde oder Geschwister damit kein Problem haben. Wahrscheinlich hängt das mit den Erfahrungen zusammen, die du oder deine Freunde gemacht haben. Hast du dir beim Nägelfeilen zum Beispiel einmal wehgetan, verstärkt das die negative Reaktion auf das damit verbundene Geräusch. Und wer das Quietschen von Kreide auf der Wandtafel besonders schlimm findet, verbindet das Geräusch vielleicht unbewusst mit einer besonders unangenehmen Schulstunde. Ganz kleine Kinder zeigen darum seltener solche starken Reaktionen, da sie noch nicht viele Erfahrungen abgespeichert haben. Menschen mit Migräne allerdings sind zum Beispiel besonders geräuschempfindlich. Möglicherweise reagiert bei ihnen das Emotionszentrum im Gehirn besonders stark und löst eine Abwehrreaktion aus.

Die Physik des Quietschens

Warum quietscht denn eigentlich eine Kreide auf der Wandtafel – oder ein Filzstift auf Papier, oder eine Gabel auf dem Teller? Dafür verantwortlich ist der sogenannte "Haft-Gleit-Effekt". Wird die Kreide in einem ungünstigen Winkel über die Tafel geführt, gleitet sie nicht gleichmässig, sondern bleibt immer wieder ganz kurz stehen, verbiegt sich ein bisschen, und rutscht dann weiter. Dieser Wechsel von Gleiten und Stehenbleiben passiert viele Tausend Mal pro Sekunde. Jedes Mal wird die Kreide ein bisschen verbogen und entspannt sich dann wieder. Die Kreide gerät also in Schwingung, und diese Schwingung können wir als Quietschen hören.

Ähnliche schrille Geräusche, die durch den Haft-Gleit-Effekt entstehen, sind das Quietschen von Bremsen, ungeölten Türen, oder auch das Rutschen von Gummisohlen auf glatten Böden.

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