Der Säbelzahntiger oder: Wie entstehen Gefühle?

Wird man bis zur "Weissglut" gereizt, wird – biologisch gesehen – zu stark auf eine Sinneszelle eingewirkt. Jemand übertreibt es mit lauter Musik (ein Reiz auf die Ohren), worauf der Nachbar gereizt reagiert. Man spricht von ungelernter, unwillkürlicher, automatischer und schnell folgender Reaktion auf einen bestimmten Reiz. Solche Reflexe sind oft überlebenswichtig: Die Hand zieht sich sofort wieder zurück, gerät sie auf eine heisse Herdplatte.

Sieht man einen Säbelzahntiger, der mit gefletschten Zähnen auf einen zu rennt, muss alles sehr schnell gehen

Sieht man einen Säbelzahntiger, der mit gefletschten Zähnen auf einen zu rennt, muss alles sehr schnell gehen...Bild: Ozja/Shutterstock.com

Auf die Nerven gehen

An der Übermittlung eines Signals, das der Reiz auslöst, sind Nerven beteiligt. Und ein Nerv ist quasi wie ein Stromkabel aufgebaut. Das Signal wird durch die Änderung des Membranpotenzials weitergeleitet. Dies ist eine Spannung über der Zellmembran. Sie entsteht, weil im Zellinnern eine andere Konzentration an geladenen Teilchen vorhanden ist als ausserhalb. Das Signal wird weitergegeben, indem sich das Membranpotenzial kurzzeitig "umdreht". Um eine solche "Umdrehung" zu erreichen, muss eine Mindestgrenze überschritten werden. Diese kurzzeitige ‘Umdrehung’ nennt man Aktionspotenzial. Es funktioniert nach dem sogenannten "Alles-oder-nichts"-Prinzip: Entweder wird es ausgelöst oder eben nicht. Ein schwaches Aktionspotenzial gibt es nicht. Das Weiterleiten kann man sich wie umfallende Dominosteine vorstellen. Das Aktionspotenzial ist dort, wo sich die fallenden und stehenden Steine berühren. Die gefallenen Steine können so lange kein neues Signal mehr verschicken, bis sie wieder aufgestellt wurden.

Gefühlschaos pur

Gefühlsregungen wie "Schmetterlinge im Bauch haben" sind die Folge von Hormonen. Sie werden in die Blutbahn ausgeschüttet und geben Informationen weiter – eine Art Kommando, um Reaktionen in Gang zu setzen, aufrechtzuerhalten oder abzubrechen. Um den Befehl weitergeben zu können, muss das Hormon mit dem hormonspezifischen Rezeptor einen Komplex eingehen. Das Hormon wirkt so lange, bis der Komplex wieder zerfällt. Dies kann wenige Sekunden, aber auch einige Stunden dauern.

Hormone können entweder in Sekundenschnelle reagieren oder erst Stunden später eine Wirkung auslösen. Sieht man einen Säbelzahntiger, der mit gefletschten Zähnen auf einen zurennt, muss alles sehr schnell gehen. Der Säbelzahntiger stellt einen "Reiz" dar, über den die Hormonausschüttung ausgelöst werden kann. Die Dauerberieselung mit Reizen in der heutigen Zeit kann das Hormonsystem schon mal überfordern. Ein Beispiel ist das Fernsehen. Jeder kennt den Schrecken, wenn im Film der Axtmörder hinter der Tür hervorspringt und das eigene Herz anfängt, zu rasen. Dieses Herzrasen wird von Hormonen ausgelöst, die als Folge des Reizes "Axtmörder" ausgeschüttet worden sind.

Diese Hormonausschüttung nehmen wir selbst wahr, da die Wirkung sofort einsetzt und spürbar ist. Die Gefahr liegt bei jenen Hormonen, die ihre Wirkung erst später zeigen und nicht direkt wahrgenommen werden können. Eine solche Überbelastung kann Panikattacken, Depressionen oder ein Burn-out-Syndrom zur Folge haben.

Quelle: Roche Nachrichten

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