Cathleen Hoffmann, Bauingenieurin und Betonrecyclerin

Wie kann man aus abgebrochenen Häusern Neues bauen? Cathleen Hoffmann forscht an der EMPA am Recycling von Beton. Zuvor hat sich die gelernte Bauingenieurin in einer Männerdomäne durchgesetzt und ist heute überzeugt: Mit einem starken Willen ist alles möglich.

Deponie mit Bauschutt

Eine Deponie mit Bauschutt. Dieser kann hoffentlich schon bald als Recyclingbeton wiederverwendet werden. Bild: Ari N/Shutterstock.com

Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen und habe in Dresden die Grundschule besucht. Während des Gymnasiums absolvierte ich gleichzeitig eine Berufslehre auf dem Bau; das war in der ehemaligen DDR noch möglich. Ich habe damals im November bei Kälte und Regen im siebten Stock einen Schornstein gemauert - das war körperlich sehr anstrengend und hart. Trotzdem entschied ich mich nach dem Abitur - in der Schweiz heisst es Matur - für ein fünfjähriges Bauingenieurstudium.

Meine Eltern erzählten mir später, dass ich schon als Kind gerne mit Bauklötzen gespielt und damit Häuser gebaut habe. Natürlich dachte ich auch daran, Architektin zu werden. Doch Architekten müssen ständig neue Entwürfe zeichnen, weil die Bauherren finden, dass bestimmte Teile nicht umsetzbar sind. In der Umsetzung von Bauten tätig zu sein, interessierte mich jedoch mehr. Obwohl der Bau eine Männerdomäne ist, haben Freunde und Familie toll auf meinen Entscheid reagiert und mich in meinem Willen immer unterstützt.

Cathleen Hoffmann auf dem "Bau"

Frauen können genauso gut auf dem "Bau" schaffen wie Männer. Bild: EMPA

Bauleitungen in ganz Deutschland

Nach dem Studium arbeitete ich vier Jahre lang bei einem grossen Bauunternehmen und übernahm Bauleitungen in ganz Deutschland. Ich sass vor Ort im Container und kontrollierte den Fortschritt auf der Baustelle. Gleichzeitig war ich dafür verantwortlich, dass das Budget und die Termine eingehalten werden und die Qualität der Arbeiten stimmt. Die Bauleiterin koordiniert auch die am Bau beteiligten Arbeiter, darunter Maurer, Elektro- und Sanitärinstallateure.

Viel Arbeit, wenig Freizeit

Ich arbeitete sechs Tage in der Woche, meist bis spät abends. Zeit für meine Hobbys, vor allem Tanzen und Reisen, blieb kaum; zudem gab es immer wieder Geschäftspartner, die glaubten, dass eine junge Frau dieser Aufgabe nicht gewachsen sei. Diese Zeit war manchmal auch ein «Tal der Tränen». Trotz all der tollen Berufserfahrungen, konnte ich mir nicht vorstellen, diese anstrengende Arbeit ein Leben lang zu machen. Auch wäre es unter diesen Umständen schwierig gewesen, eine Familie zu gründen.

Deshalb entschloss ich mich für eine eineinhalbjährige Weiterbildung im Management- und Marketing-Bereich. Vier Monate dieser Ausbildung verbrachte ich in England, wo ich meine Sprachkenntnisse in Englisch verbessern konnte. Sprachen sind etwas Wichtiges und Wertvolles, das habe ich bei all meinen Reisen gemerkt.

Praxiserfahrung in die Forschung einbringen

Vor acht Jahren zog ich in die Schweiz zu meinem heutigen Mann und schaute mich nach einer neuen Arbeit um. Nie hatte ich an den Forschungsbereich gedacht, bis ich eine Stellenausschreibung der EMPA sah. Gesucht wurde jemand mit Praxiserfahrung für die Entwicklung eines neuen, selbstverdichtenden Betons. Ich war begeistert, denn es reizte mich, mein Praxiswissen in die Forschung einzubringen. Ab 2006 begann sich die EMPA, zusammen mit dem Zürcher Amt für Hochbau und Partnern aus der Industrie für das Recycling von Beton zu interessieren.

Beton recyclen? Aber klar!

Das wird immer wichtiger: Viele der Gebäude, die in den 60er- und 70er-Jahren mit Beton gebaut worden sind, genügen den heutigen Bedürfnissen der Mieter nicht mehr und werden abgebrochen. Dadurch entstehen enorme Mengen an Bauschutt, die bisher auf Deponien entsorgt wurden. Aus ökologischen Überlegungen wäre es aber sinnvoll, den alten Beton wiederzuverwerten, denn die Kiesreserven für die Betonproduktion sind endlich und der Deponieplatz ist begrenzt. An der EMPA stellen wir deshalb aus altem Beton neuen her und untersuchen diesen auf Steifigkeit, Druckfestigkeit oder bei welcher Belastung Risse auftreten. Dazu setzen wir Bauelemente aus Recyclingbeton mit riesigen Maschinen und Kräften, die dem Gewicht eines Elefanten oder eines Lastwagens entsprechen, unter Druck. Die Ergebnisse werte ich danach am Computer aus und überlege mir, wie man die Eigenschaften des Recyclingbetons verbessern könnte.

Gleiche Chancen für Frauen und Männer

Neben meiner Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin bin ich ausserdem noch Gleichstellungsbeauftragte der EMPA. Ich bemühe mich darum, dass Mann und Frau dieselben Berufschancen haben und die Arbeitnehmer Beruf und Familie verbinden können. Seit zwei Jahren bin ich selber Mutter, und für mich war immer klar, dass ich Beruf und Familie einmal kombinieren möchte. Jeder Tag an der EMPA bereitet mir von Neuem Freude; vor allem der Austausch mit meinen Mitarbeitern - ich könnte nie alleine zuhause oder in einem einsamen Büro sitzen, dann würde ich vertrocknen wie ein dürres Blümlein.

Text: SATW
Quelle: Technoscope 3/09: Kostbare Rohstoffe
Technoscope - Das Technikmagazin der SATW für Jugendliche
 
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