Lorenz Reichel, Mathematiker und alt Olympionike

Lorenz Reichel gewann 1999 eine Bronzemedaille an der Internationalen Mathematik-Olympiade. Während der nachfolgenden sieben Jahre war er massgeblich in der Organisation der Mathematik-Olympiade tätig und leistete als Präsident einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der Mathematik-Olympiade in der heutigen Form. Im Verband Schweizer Wissenschafts-Olympiaden wirkte er als Vorstandsmitglied und Kassier. Gleichzeitig dissertierte er an der ETH Zürich auf dem Gebiet der Geometrischen Masstheorie.

Spitzenteam an der Internationalen Mathematik-Olympiade 2006, Lorenz Reichel als Delegationsleiter hinten rechts. Bild: Daniel Sprecher

Lorenz Reichel
Lorenz Reichel. Bild: Daniel Sprecher

Wann hast du bemerkt, dass du einen besonderen Sinn für Mathematik hast?
Als ich fünf Jahre alt war, sassen wir bei Tisch und prosteten uns zu. Die Anwesenden erörterten, wie oft man in dieser Runde anstossen könne. Ich hingegen verstand nicht, wieso dies eine Diskussion wert war, denn für mich war bereits klar, dass es 45 Mal sein musste.

Was hast du erlebt, als du an der Mathematik-Olympiade teilgenommen hast?
Ich befand mich zum ersten Mal in meinem Leben an einem Ort, wo ich mathematisch nicht alles verstand. Dies hat mich unheimlich angespornt. Ich realisierte, dass ich dank meiner Kreativität eine Chance hatte, weiterzukommen, wenn es mir gelingen würde, mir die mathematischen Werkzeuge und die Sprache der Aufgaben anzueignen. Ich fühlte mich mathematisch überaus gefordert und ich habe alles aufgesogen, das mir geboten wurde. Das Zweite war, dass ich Personen traf, die ähnlich dachten wie ich. Das war für meine weitere mathematische Entwicklung fundamental.

1999 hast du eine Bronzemedaille geholt. Und zugleich war es damals eines der besten Teamergebnisse.
Es war ein schönes Gefühl. Wir waren medial recht präsent. Ich hatte Auftritte im TV und Radio und es gab Artikel in den Printmedien. Ich fand es spannend, die schwierigen Herausforderungen einem breiteren Publikum zu vermitteln.

Wie kamst du dazu, die Mathematik-Olympiade zu leiten?
1999 begann ich mein Mathematik-Studium an der ETH. Als ich ein Jahr später die Abteilungsleitung der Pfadi Wetzikon abgab, fragte mich meine Vorgängerin, ob ich Lust hätte, zusammen mit Thomas Huber die Leitung der Olympiade zu übernehmen.

Welches waren die wichtigsten Herausforderungen?
Mit dem Wachstum der Mathematik-Olympiade wuchsen auch die Strukturen und Aufgaben. Wir lancierten die Mathematik-Olympiade als nationalen Wettbewerb mit Medaillen. Es musste ein Organigramm ersonnen werden. Für die einzelnen ehrenamtlichen Mitarbeitenden entstanden Pflichtenhefte, damit die Zusammenarbeit oder ein Stabwechsel reibungslos funktionierte. Aber auch gegen aussen knüpften wir ein breites Beziehungsnetz zu Hochschulen, Unternehmen und Stiftungen.

Welches war deine Aufgabe auf Stufe des Verbands Schweizer Wissenschafts-Olympiade?
Ich war bei der Gründung dabei, als wir die ersten Statuten für einen gemeinsamen Dachverband entwarfen. Von 2005 bis 2009 war ich Kassier.

Welches waren für dich die Highlights?
2005 als wir Bundesrat Couchepin für einen Anlass des Verbands persönlich empfingen! Sehr spannend war auch die Arbeit im Schiedsgericht der Internationalen Mathematik-Olympiade im Jahr 2008. In ganz besonders schöner Erinnerung bleibt mir die Internationale Mathematik-Olympiade 2006. Die Schweiz gewann ihre erste Goldmedaille in Mathematik. Dieser Spitzenerfolg, aber auch die gute Leistung des Teams und der soziale Zusammenhalt waren für mich das perfekte Abschlussgeschenk als Präsident.

Du hast gerade deine Dissertation abgeschlossen. Zu welchem Thema?
Der offizielle Titel meiner Dissertation lautet "Die Koflächenformel für Abbildungen mit metrischen Bildräumen". Man kann sie am ehesten zwischen Geometrie und Analysis einordnen. Ganz grob und mit etwas Fantasie könnte man die Aussage folgendermassen beschreiben: Nehmen wir an, wir lebten in einer Welt mit viel weniger geometrischer Struktur als in dieser Welt. Das heisst, es gäbe weder Geraden noch Winkel, keine Ebenen oder Richtungen. Das Theorem sagt aus, dass auch dann in einem ganz weiten Sinne die Rechenregel "Fläche = Breite x Länge" gelten würde.

Wer ist als Teilnehmer bei der Mathematik-Olympiade richtig?
Manchmal entdecken die Teilnehmenden erst bei uns, dass sie wirklich ein grosses Potential haben. Um sich für die Internationale zu qualifizieren, braucht es neben Neugier auch mathematische Begabung und hartes Training.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Ich würde mich gerne einer Aufgabe stellen, die einerseits meine analytischen Fähigkeiten und meine präzise Denkweise beansprucht, welche ich bei meiner Dissertation unter Beweis stellen konnte. Andererseits hoffe ich, dass ich auch meine Erfahrungen in Teamleitung und Organisation einsetzen kann. In welcher Branche ich eine solche Aufgabe finden werde, und ob dies in einer kleinen Firma oder einem grossen Konzern sein wird, ist noch völlig offen!

Text und Interview: Claudia Appenzeller, VSWO

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