Der Gesang der Wale

Von mehreren Walarten weiss man, dass sie Töne hervorbringen, die mit Gesängen vergleichbar sind. Diese Lautäusserungen unter Wasser sind so komplex, dass sie Wissenschaftler vor grosse Rätsel stellen. Tauch ein in die Welt der Sänger der Ozeane!

Eine Schule von Buckelwalen

Buckelwale bewegen sich in Gruppen, die "Schulen" genannt werden. Darüber zum Grössenvergleich ein Taucher. Bild: CanStockPhoto

Ist von Walgesängen die Rede, denkt man als erstes an die strophenartigen Gesänge der Buckelwale (Megaptera novaeangliae). Diese Tiere werden 15 bis 17 Meter gross, wiegen rund 40 Tonnen und können ein Alter von 100 Jahren erreichen!

Der Buckelwal: 20 Minuten Gesang mit nur einem Atemzug

Buckelwalmutter mit Kalb

Buckelwale sind nicht nur für Ihre Gesänge, sondern auch für ihre spektakulären Sprünge bekannt. Hier springt ein Weibchen, um männliche Wale von ihrem Kalb fernzuhalten. Die Männchen vollführen oft akrobatische Kunststücke zur Balzzeit. Bild: © Jérémie Silvestro / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Der typische Buckelwalgesang wird einzig von männlichen Tieren während der Paarungszeit produziert. Weibchen und Kälber erzeugen andere Töne mit sozialen Funktionen. Wenn die männlichen Wale „singen“, bleiben sie in 15 Metern Tiefe in der Schwebe, das Maul nach unten gerichtet, damit der Ton optimal zu beiden Seiten verteilt wird. Buckelwale bringen Töne hervor, indem sie die Luft von den Lungen in den Kehlkopf strömen lassen, was die Stimmbänder vibrieren lässt – ähnlich wie beim Menschen. Im Gegensatz zu uns atmen Buckelwale die Luft jedoch nicht aus, sondern füllen sie in eine Tasche im Kehlkopf. Dieselbe Luft können sie dann wiederverwenden, um einen neuen Ton zu produzieren. Schallwellen verbreiten sich im Wasser schneller als in der Luft. Der Gesang breitet sich mit einer Geschwindigkeit von 1600 Metern pro Sekunde in einem Umkreis von 160 Kilometern aus (in der Luft wären es nur 340 m/s). Mit einer Frequenz zwischen 20 Hz und 10 kHz sind die Töne für das menschliche Ohr vollumfänglich hörbar.

Eine strukturierte Melodie

Meeresforscher haben herausgefunden, dass die Gesänge der Buckelwale in einer bestimmten Art und Weise strukturiert sind. Die Gesänge dauern etwa 20 Minuten und bestehen aus bestimmten Strophen. Jede Strophe ist eine Repetition derselben Phrase, die wiederum aus Unterphrasen besteht, welche sich in Basiselemente zerlegen lassen. Diese Grundelemente sind kontinuierliche Noten von einer oder mehreren Sekunden, die in Frequenz und Intensität variieren können. Ist der Gesang einmal zu Ende, kehrt das Walmännchen an die Wasseroberfläche zurück, um zu atmen, bevor es wieder abtaucht und den Gesang erneut aufnimmt. Dieser Kreislauf kann mehrere Stunden bis hin zu Tagen dauern.

Ein junger Buckelwal singt in den Gewässern der Vava’u-Inseln, Tonga. Sylke Rohrlach/Wikimedia Commons, CC-Lizenz

Eine Serenade für die Weibchen

Was den Zweck der Gesänge angeht, können die Spezialisten nur spekulieren. Tatsächlich wären für keine biologische Funktion Gesänge von solch komplexem Niveau notwendig. Dennoch kann man davon ausgehen, dass die Gesänge mit der Partnerwahl zu tun haben. Ein überraschendes Phänomen macht die Interpretation jedoch noch schwieriger: Alle männlichen Wale singen weltweit dieselben Strophen, jedoch tauchen regelmässig neue Strophen auf, die sich durch die Migration der Tiere innerhalb einiger Monate in der gesamten Population verbreiten. Biologen vermuten, dass diese Tendenz zur Imitation daher rührt, dass die Weibchen männliche Wale bevorzugen, die „in Mode“ sind und sich die aktuellen Strophen angeeignet haben, oder aber Männchen, die neue Gesänge erfinden können. Was immer die Erklärung sein mag: Es zeigt sich, dass Buckelwale in der Lage sind, Gesänge zu erfinden, von anderen zu lernen und nach einiger Zeit wieder durch neue zu ersetzen.

Der Belugawal

Im Gegensatz zu den Buckelwalen gehören Belugas (Delphinapterus leucas) zur Gruppe der Zahnwale. Sie sind zwischen 3 und 6 Metern gross, wiegen zwischen 0.7 und 2 Tonnen und leben im arktischen Ozean. Zahnwale produzieren Töne durch schnelles Klappern und Pfeifen. Insbesondere Belugawale bilden vielfältige Töne und Melodien, die ihnen den Übernahmen „Kanarienvögel der Meere“ eingebracht haben.

Tonproduktion ohne Stimmbänder

Belugawal

Ein Belugawal kommt zum Atmen an die Oberfläche. Bild: CanStockPhoto

Der Ton wird erzeugt, indem die Luft in einen Raum strömt, der sich an der Oberseite des Kopfes befindet und der menschlichen Nasenhöhle entspricht. Dort lässt die Luft die sogenannten „phonetischen Lippen“ vibrieren – wie beim menschlichen Schnarchen. Belugawale besitzen zwei Paare von phonetischen Lippen und können darum zwei voneinander unabhängige Laute ausstossen. Die Luft dringt dann in einen Luftsack, wo sie ausgestossen oder zur erneuten Tonerzeugung wiederverwendet werden kann. An der Tonproduktion beteiligt ist auch die sogenannte „Melone“, ein Organ im Schädel der Zahnwale, das aus Fett- und Bindegewebe besteht. Man vermutet, dass die Melone den Schall bündeln hilft und als eine Art Resonanzkörper dient.

Mehr als nur Gesang

Die Lautäusserungen der Wale dienen der Echoortung, also der Orientierung im Wasser mit Hilfe von Schallwellen. Belugawale sind aber auch äusserst soziale Tiere, und die breite Palette an Tönen ist ein Mittel der Kommunikation unter Artgenossen. Man vermutet, dass die verschiedenen Laute eine Art Sprache bilden, und hat beobachtet, wie sich Belugawale auch neuartige Geräusche aneigneten (siehe unten).

„Gespräch“ zwischen einem Belugaweibchen und ihrem Kalb. Die Mutter ist weiss gefärbt, das Junge grau. Wikimedia Commons, CC-Lizenz

Der Beluga, der menschliche Laute imitierte

Der Belugawal Noc wurde von Inuit-Jägern gefangen und von einer Stiftung in San Diego (USA) aufgenommen. Sieben Jahre nach seiner Ankunft vernahmen seine Pfleger eine Stimme, die sie zunächst einem Menschen zuordneten. Schliesslich erkannten sie aber, dass es Noc war, der in seinem Bassin summte. Dieser aussergewöhnliche Fall ist vermutlich auf den langen Kontakt mit Menschen zurückzuführen.

Mit dem folgenden Link gelangst zu zum vollständigen (englischen) Fachartikel mit der Tonaufnahme.

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