Tinnitus: Geräusche, die gar nicht existieren

Stell dir ein Summen, Knacken, Klicken, das Geräusch eines Staubsaugers oder von kochendem Wasser vor – aber niemand ausser dir kann es hören! Woher kommen diese Phantomgeräusche? Der sogenannte Tinnitus ist keine Krankheit. Verschiedene Ursachen können für die Wahrnehmung der Geräusche verantwortlich sein; meist handelt es sich dabei um eine Verschlechterung des Hörvermögens.

Unangenehme Geräusche im Ohr, auch Tinnitus genannt

Bei Tinnitus hilft alles Ohrenzuhalten nicht – die Geräusche stammen nicht von aussen. Bild: CanStockPhoto

Beim Tinnitus handelt es sich um Störgeräusche, die ohne eine akustische Stimulation von aussen auftreten. Sie werden oft als Pfeifgeräusch beschrieben, können aber auch als Brummen oder Klicken wahrgenommen werden oder dem Geräusch eines Staubsaugers ähneln.

Jedem sein Phantomgeräusch

Jede Person nimmt den Tinnitus anders wahr. Die Geräusche können leise oder laut, stärker oder schwächer sein und auf einem oder auf beiden Ohren auftreten. Nach der Schwerhörigkeit ist der Tinnitus das am meist verbreitete Hörproblem. In der Schweiz leiden rund 40 % aller Menschen mindestens einmal für kurze Zeit an einem Tinnitus. Diese vorübergehenden Phantomgeräusche verschwinden nach wenigen Minuten oder Stunden von selbst. Es gibt jedoch auch schwerwiegendere Fälle, in denen das Geräusch dauerhaft wahrgenommen wird. Dann spricht man von einem chronischen Tinnitus. Dieser ist äusserst unangenehm und mindert die Lebensqualität der betroffenen Personen erheblich. Rund 20 % der Schweizer Bevölkerung leiden unter chronischem Tinnitus.

Verschiedene Ursachen

Haarzellen des menschlichen Innenohrs

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme der Haarzellen des menschlichen Innenohrs. Bild: David Spears/Wikimedia Commons

Die Gehörschnecke unseres Innenohrs enthält Tausende von Hörzellen, die durch zu laute Geräusche geschädigt werden können. In den meisten Fällen tritt Tinnitus auf, nachdem die betreffende Person einem sehr hohen Lautstärkepegel ausgesetzt war. Doch auch durch den Alterungsprozess können bestimmte Teile des Innenohrs Schaden nehmen und bei älteren Personen Tinnitus verursachen. Wiederkehrende Ohrenschmerzen, Verletzungen des Hörnervs und bestimmte Erkrankungen des Ohrs gehören ebenfalls zu den Risikofaktoren für die Entstehung von Tinnitus.

Eine Diskrepanz zwischen Ohr und Gehirn

Lange Zeit dachte man, dass es sich beim Tinnitus einzig um eine Funktionsstörung des Innenohrs handelt. Neuere Studien zeigen allerdings, dass er auch im Gehirn entsteht. Phantomgeräusche sind das Resultat einer Umstrukturierung, mit der unser Gehirn einen Hörverlust auszugleichen versucht. Beschädigte Hörzellen kompensiert das Gehirn durch die Erhöhung der auditiven Übertragung. Diese Zunahme nervlicher Aktivität führt zum Auftreten von Phantomgeräuschen.

Behandlungsmöglichkeiten

Da dem Tinnitus verschiedenste Ursachen zugrunde liegen können, ist er schwierig zu behandeln und es gibt keine spezifische Behandlungsmethode. In einigen Fällen werden Medikamente zur Erweiterung der Blutgefässe verschieben, um die Blutzirkulation im Innenohr zu verbessern. Medikamente zur Behandlung von Angststörungen können die Toleranz gegenüber dem Tinnitus erhöhen und so die damit verbundene emotionale Last mindern. Leider sind diese Behandlungen nicht immer erfolgreich und können erhebliche Nebenwirkungen verursachen. Es gibt ausserdem alternative Therapien, die darauf abzielen, das Gehirn des Patienten durch Entspannungs- und Ablenkungstechniken „umzuerziehen“. Dank diesen lernen die Patienten, das Geräusch nach und nach zu ignorieren und die Kontrolle über ihre Hörwahrnehmung zurückzugewinnen.

Wo ist die Stille geblieben?

Während des Pendelns, auf der Strasse, in der Schule oder im Bett kurz vor dem Einschlafen: Kopfhörer und Headsets sind unsere ständigen Begleiter. Eine Studie zeigte, dass die ständige Verwendung dieser Geräte Tinnitus begünstigt. Ab 100 Dezibel (dB) gilt ein Geräusch bei einer Exposition von mehr als einer Stunde pro Woche als gefährlich. Gemäss einer Studie der SUVA hören Jugendliche rund 100 Minuten Musik täglich – die meisten bei ungefährlichen Schallpegeln um 80 dB. Etwa 7% der Befragten riskieren mit ihrem Musikkonsum jedoch, dass ihr Gehör Schaden nimmt. Denn grundsätzlich gibt das Gesetz den Herstellern von MP3-Playern, Handys und anderen Audiogeräten eine Limite von 100 dB vor, doch bei voll aufgedrehter Lautstärke und mit „optimierten“ Kopfhörern können durchaus höhere Werte erreicht werden!

Die Ohren schützen

Deshalb lohnt es sich, beim Musikgenuss auf ein paar Dinge zu achten. Auf manchen Smartphones kann die Klangqualität verbessert werden, ohne dass die Lautstärke erhöht wird. Ausserdem sind On-Ear-Headsets den In-Ear-Kopfhörern vorzuziehen, denn In-Ear-Kopfhörer leiten den Ton direkt in den Gehörgang. Gut für die Ohren ist eine Funktion zur Störlärmunterdrückung, die Umweltgeräusche ausschaltet und so eine bessere Tonqualität ermöglicht – ohne die Lautstärke zu erhöhen.

Personen, die in Sägewerken arbeiten und einer Lautstärke von 95dB ausgesetzt sind, müssen zur Arbeit einen Ohrenschutz tragen. Aber Ohrstöpsel an einem Konzert: Ist das nicht paradox? Nein, denn bei Konzerten, wo die Lautstärke bis zu 110 dB erreichen kann, sollte es eigentlich genauso logisch sein, sich gegen den Lärm zu schützen. Auch wenn die Musik von Rihanna unendlich viel angenehmer ist als der Lärm einer Kreissäge, so ist zumindest ihr Effekt auf unser Ohr bei zu starker Intensität derselbe.

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