Die Abenteuer von Globin und Poietin (1)

Die knapp 10-jährige Lili leidet an Blutarmut und bekommt ein Medikament namens Erythropoietin verschrieben. Dieser Stoff regt das Knochenmark dazu an, neue rote Blutzellen zu produzieren. Aber wegen Lilis Ungeduld landet das (Erythro-)Poietin erst einmal auf dem falschen Weg und muss sich zusammen mit (Hämo-)Globin auf eine abenteuerliche Reise durch Lilis Körper machen, bevor es an seinen Bestimmungsort gelangt. Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7Teil 8Teil 9Teil 10

Teil 1: Lili ist krank

Globin & Poietin: Titelbild

Die Abenteuer von Globin und Poietin: Ein wissenschaftliches Märchen. Text und Illustrationen: Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics. Originaltitel: «Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge»

Lili wird bald zehn Jahre alt. Die meisten Kinder wären jetzt aufgeregt und würden die Tage zählen, die viel zu langsam vergehen. Oder sie würden eifrig ihre Geburtstagsfeier vorbereiten und eine lange Liste von Geschenken schreiben, die sie bekommen möchten. Aber Lili hat dieses Jahr kein Interesse daran. Es geht ihr nicht gut. Sie sitzt auf einem Mäuerchen und schaut ihren Freunden beim Spielen auf dem Pausenplatz zu. „Wenn es mir nicht bald besser geht, ist Niko auf seinen Rollschuhen besser als ich und Mara kann noch schneller Seilspringen“, seufzt sie.

Lili ist krank

Es geht Lili schon seit Wochen nicht gut, aber seit einigen Tagen geht es ihr noch schlechter. Die kleinste Anstrengung erschöpft sie. Wenn sie aus dem Bett steigt oder aufsteht, wird ihr ganz schwindlig und ihr Herz fängt an zu schlagen, als ob sie gerade einen Marathonlauf gelaufen wäre.

„Komm spielen, Lili!“, rufen ihre Freunde. Aber sie kann nicht. Ihre Beine fühlen sich an wie Gummi und ihr Körper ist so schwer ... so schwer wie ... oh! So schwer wie der Montblanc, den sie gerade eben über den Dächern sehen kann.

Lili ist seit Wochen nicht zum Turnen gegangen. Und für ihr Zeugnis sieht es auch nicht wirklich gut aus. Glänzende Noten hatte sie noch nie, aber ihre letzten Ergebnisse waren besonders schlecht. Sie kann sich einfach nicht mehr konzentrieren. Ein richtiger Albtraum!
An diesem Tag kommt Lili nach Hause, plumpst in einen Sessel und fängt an zu weinen.
„Ich bin sooo müde, ich mag gar nichts mehr machen,“ weint sie.
Ihre Mutter kniet sich neben sie. Lili sieht sehr blass aus. Sogar ihre Sommersprossen sind verschwunden. Und jetzt verliert sie auch noch den Appetit. „Wir werden heute Nachmittag zum Arzt gehen, Lili,“ sagt ihre Mutter. „Du machst mir Sorgen, das geht jetzt schon zu lange so.“

Lili sass im Wartezimmer von Doktor Neumann mit ihren Ellbogen auf den Knien und ihrem Kopf zwischen den Händen und starrte an die Wand. Sie rührte sich nicht. Und ihre Zöpfe, die so schlaff aussahen, wie sie sich fühlte, bewegten sich auch kein bisschen. Ihr Anblick brachte einen kleinen Jungen ihr gegenüber zum Kichern, und er begann, ihr Grimassen zu schneiden. Seine Mutter runzelte die Stirn und flüsterte ihm ein paar scharfe Worte zu, und er spielte weiter mit seinem kleinen roten Auto auf dem Fussboden und blickte Lili nur hin und wieder flüchtig an. Unter anderen Umständen hätte Lili ihm die Zunge herausgestreckt und einen bitterbösen Blick zugeworfen. Aber alles, was sie heute machen konnte, war, ihre Nase zu verziehen.
„Lili?”
Sie war dran. Sie stand auf und schleppte sich ins Behandlungszimmer.

Lili beim Arzt

„So, Lili. Ich höre, dir geht es nicht gut?” fragte der Arzt und bemerkte, wie blass sie war. „Erzähl mir, was los ist.” Lili war normalerweise so eine Quasselstrippe, dass es schwer war, auch einmal zu Wort zu kommen. Aber heute sagte sie kaum etwas. Der Arzt war besorgt.
„Wir müssen ihr erst einmal Blut abnehmen“, sagte er und schaute Lilis Mutter über seinen Brillenrand hinweg an. „Und du musst morgen für das Ergebnis zurückkommen.“ Lili wurde noch blasser, als sie sich vorstellte, wie die lange Nadel sie tief in den Arm stechen würde. Doktor Neumann konnte ihre Gedanken erraten. „Mach dir keine Sorgen, du spürst gar nichts“, beruhigte er sie. „Meine Assistentin ist eine richtige Zauberkünstlerin.“

weiter zu Teil 2


Text und Illustrationen: Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz (Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics)
Originaltitel: «Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge»
Übersetzt ins Englische von Vivienne Baillie Gerritsen
Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von CVB International, überarbeitet von Redaktion SimplyScience.ch

© 2003 Vivienne Baillie Gerritsen, Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics
ISBN 2-9700405-2-2

Die Geschichte ist als französisches und englisches Buch bei Lulu.com erhältlich. Die PDF-Versionen sind kostenlos downloadbar.

Durchschnittliche Bewertung:
  •  
(0 Bewertungen)

Was sagst Du dazu?

Dieser Artikel hat noch keine Kommentare erhalten.