Helma Wennemers: Professorin am Departement Chemie der Universität Basel

Helma Wennemers studierte Chemie um die Welt besser zu verstehen. Heute ist sie Professorin. Aber nicht nur. Auf Radio DRS 2 hält sie auch Kolumnen - zum Beispiel über Schokolade oder Schneeflocken. Helma Wennemers will damit v.a. Jugendlichen die Chemie allgemein verständlich machen und deren Vielseitigkeit aufzeigen.

Universität Basel

Helma Wennemers an der Eröffnungsfeier für das Fest der Moleküle. Bild: Juri Weiss/bs.ch

Warum studierten Sie Chemie?  
Um die Natur besser zu verstehen. Allerdings fand ich auf Umwegen zur Chemie. Ich begann mit einem Studium der Lebensmittelchemie und stellte dabei rasch fest, welch vielfältige Wissenschaft die Chemie ist. Das Verständnis der Natur auf molekularer Ebene und die Möglichkeit zur Kreativität faszinierten mich. Chemiker sind die einzigen Naturwissenschaftler, die Neues - neue Verbindungen - schaffen können. Hinzu kommt die Schönheit der Chemie, denken Sie nur an die Bildung von Kristallen!

Sie haben an Universitäten in Deutschland, den USA und Japan studiert. Welche Unterschiede bei der Forschungskultur stellten Sie fest? 
Meine Dissertation fertigte ich an der Columbia University in New York an. Dort herrschte eine besondere Kombination aus Forschergeist und Offenheit, die mich prägte. Die Professoren verbrachten mit den Studenten nicht nur Zeit im Labor, sondern immer wieder auch ausserhalb. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Tennis-Doppel mit den Professoren Koji Nakanishi und Gilbert Stork. Die Doktoranden kamen aus aller Welt. Daher begaben sie sich am neuen Ort auf Entdeckungsreise und bemühten sich um neue Freunde. Dies schaffte einen besonderen Gemeinsinn. Übrigens herrscht auch an unserem Departement an der Universität Basel eine grosse Offenheit. Viele Doktoranden kommen nicht aus Basel, daher entwickelt sich eine ähnliche Dynamik. Das schätze ich sehr.

Welche Erfahrungen machten Sie in Japan?
Es herrscht eine andere Kultur. In Japan gibt es eine starke Hierarchie, die den Alltag prägt. Der Unterschied zwischen einem Full Professor, einem Associate Professor und einem Assistant Professor ist deutlich, die Rollen sind stark vorgegeben. Hinzu kommt, dass es in Japan weniger Doktoranden und Postdocs gibt und die Forschungsgruppen daher mehr von Master- und Bachelorstudenten geprägt sind. In Japan wird vieles vorgeschrieben, während wir hier von den Studenten eine grosse Eigenverantwortung erwarten. Persönlich hatte ich in Japan als Postdoc eine Art "Paradiesvogel"-Stellung: Ich war sehr gut in die Gruppe integriert, wurde aber von den Laborkollegen nie mit denselben Massstäben gemessen wie Japaner. Es war deshalb für mich wichtig, das richtige Mass zu finden zwischen Anpassung an die andere Kultur und Treue zu meinen eigenen - westlichen - Bedürfnissen.

Sie halten regelmässig Radio-Kolumnen auf DRS 2 zu so erstaunlichen Stichworten wie "Schokolade", "Schneeflocken" oder "Weihnachtsduft". Wovon handeln diese Kolumnen? 
Jedes Thema behandelt einen chemischen Aspekt. Eine meiner liebsten Kolumnen heisst "Serendipity" (soviel wie "glücklicher Zufall"). Das Wort bezeichnet den Zufall, der auf den vorbereiteten Geist trifft. Die Wissenschaften werden häufig gerade davon vorangetrieben. Es ereignen sich unerwartete Zufälle, die Gefahr laufen, übersehen zu werden, da man nicht erkennt, was dahintersteckt. So entstanden beispielsweise das Penizillin, der Haftstoff für die Postit-Notizzettel und der Süssstoff Aspartam.

Warum nehmen Sie sich Zeit für diese Kolumnen?
Chemie gilt in den Schulen als schwieriges Fach. Ich möchte gern andere Seiten der Chemie aufzeigen. Es reizt mich, Chemie allgemein verständlich zu machen, die Aura des Unverständlichen abzubauen. Auch, das einseitige Bild der Chemie zu erweitern, die Vielseitigkeit aufzuzeigen.

Heute wird allgemein ein Mangel an Nachwuchs-Chemikern beklagt. Teilen Sie diese Einschätzung?
Nein, das stimmt heute nicht mehr.

Seit wann stimmt es nicht mehr?
Es gibt ein wechselndes Auf und Ab. Anfang der 1980er-Jahre gab es einen Boom bei den Chemiestudenten, um die Jahrtausendwende folgte ein Tiefpunkt, seither geht es wieder stetig aufwärts. An der Universität Basel haben wir heute Einsteigerzahlen wie in den 1980er-Jahren, etwa 40 Studenten.

Sprechen wir über Synthetic Biology. Welche Disziplinen beinhaltet diese?
Synthetic Biology spannt einen weiten Bogen über verschiedene wissenschaftliche Disziplinen: Chemie, Biologie, Physik und Engineering. Das Spektrum der an der Frühjahrsversammlung gehaltenen Vorträge widerspiegelt diese Breite.

Was genau trägt die Chemie zur Synthetic Biology bei?
Chemiker können neue Verbindungen herstellen und deren Eigenschaften und Wirkung testen. Dies gilt sowohl für die Entwicklung gänzlich neuer Verbindungen wie für die Veränderung bestehender Verbindungen. Viele natürliche Systeme sind durch die natürliche Evolution zwar für ihre Rolle in der Natur optimiert, nicht aber für deren technischen Gebrauch. Ich sehe die Synthetic Biology als eine Entwicklung der Biologie von der Analyse bestehender Systeme hin zur Schaffung neuer Systeme. Einen ähnlichen Wandel machte die Chemie vor annähernd hundert Jahren durch, von der Analyse bestehender Stoffe zur Synthese neuer Verbindungen - Verbindungen, welche es in der Natur nicht gibt. In diesem Wandel der Biologie liegen enorme Möglichkeiten. Die Chemie ist hier essenziell, da sie das molekulare Denken in die Synthetische Biologie einbringt.

Synthetic Biology wird häufig mit der Tätigkeit von Elektroingenieuren verglichen. Worin genau liegt der Beitrag des Engineerings?
In der Anwendung etablierter Techniken, zum Beispiel dem Zusammensetzen verschiedener funktioneller Einheiten, die in der Natur so nicht verknüpft sind.

Welches sind heute wichtige Forschungsgebiete der Synthetic Biology?
Ein Schwerpunkt liegt sicherlich in der Entwicklung "künstlicher Zellen", oder bescheidener ausgedrückt, der Entwicklung molekularer Maschinen, die z.B. für die Energiegewinnung, als Sensoren oder als Therapeutika eingesetzt werden könnten.

Gibt es weitere Wissensgebiete, aus denen Sie etwas über die Natur gelernt haben?
Je mehr ich über die Natur weiss, desto stärker fällt mir auf, wie wenig ich darüber weiss. Mit dem Erkenntniszuwachs eröffnen sich immer neue Fragen ...

Die Fragen stellte Dr. Lukas Weber, Geschäftsführer der Schweizerischen Chemischen Gesellschaft (SCG)

Quelle: Schweizerische Chemische Gesellschaft, Chimia 62 (2008)

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