Wendelin Stark (33), Assistenzprofessor für Chemie und Bioingenieurwissenschaften an der ETH Zürich

Prof. Dr. Wendelin Stark (33) wurde 2004 - 10 Jahre nach seiner Silbermedaille, die er in China an der Internationalen Chemie-Olympiade geholt hatte - Assistenzprofessor am Institut für Chemie und Bioingenieurwissenschaften der ETH Zürich. Er forscht an Methoden zur Herstellung und Anwendung anorganischer Nanopartikel.

Prof. Dr. Wendelin Stark

Prof. Dr. Wendelin Stark. Bild: Olympiads.ch

Wann begann dein Interesse für die Chemie? An einem Regentag, als ich fünf oder sechs Jahre alt war. Wir machten mit meiner Mutter Wunderkerzen und die Fragen, die sich mir damals und etwas später stellten, haben mir meine Eltern glücklicherweise immer zu beantworten versucht. Als ich etwas älter war, bekam ich Chemikalien von einem Onkel. Ich durfte zu Hause experimentieren, auch wenn es ab und zu etwas Gestank und Rauch gab.

Welche Rolle spielte für dich die Chemie-Olympiade? Die war für meine Gymnasialzeit zentral! Zum ersten Mal lernte ich Gleichaltrige kennen, die sich für naturwissenschaftliche Ideen interessierten, die Wissenschaft genau so cool fanden wie ich. Einige meiner damaligen Kollegen gehören auch heute noch zu meinen besten Freunden. Und Dr. Maurice Cosandey, der Gründer der Chemie-Olympiade, war einer meiner ersten Mentoren. Für meinen Werdegang war es immer wieder entscheidend, auf Personen zu treffen, die mir Einblick in neue Gebiete verschafften und mein Bedürfnis nach Wissen verstanden.

Wann hast du gemerkt, dass dich die Interaktion von Forschung und praktischer Anwendung interessiert? Im Alter von 15 Jahren beschloss ich, mir einen Ferienjob zu suchen. Nur sollte es einer sein, der mit Chemie etwas zu tun hatte. Ich rief Givaudan in Dübendorf an. Mein Anliegen schien neu zu sein, und ich wurde immer wieder weiter verbunden, bis ich schliesslich Prof. Dr. Georg Fráter, den Geschäftsführer (und heutigen Präsidenten der Chemischen Gesellschaft), am Draht hatte. Er lud mich ein und holte mich persönlich beim Eingang ab. Während meiner Schulferien habe ich dann jeweils einige Wochen in den Labors von Givaudan gearbeitet. Ich erfasste, wie und wo man mit Chemie Werte schafft. Dr. Nägeli, ein Patentspezialist und Chemiker zeigte mir, dass Ideen geschützt werden können. Für mich war bereits damals klar: ich wollte selbst neue Sachen machen!

Du hast zwei Spin-off Unternehmungen gegründet. Was wird dort hergestellt? Nanograde stellt massgeschneiderte Nanopartikel her. Auf dem Web können in einem Periodensystem die gewünschten Elemente angeclickt und ausgewählt werden. Auf diese Weise wird innovativen Unternehmen der Einstieg in die Herstellung von Produkten mit Nanomaterialien erleichtert. Turbobeads macht Nanomagnete. Mit diesen Magneten können Eiweisse, Viren oder Moleküle gezielt bewegt werden. Dies ist z.B. für Trennungen in der organischen Chemie oder für die medizinische Diagnostik sehr wichtig.

Was machst du in deinem Laboratorium für funktionelle Materialien? Wir "basteln" auf sehr hohem Niveau - so hoff ich wenigstens! Wir stellen aus zwei verschiedenen Komponenten neue Materialien her, in denen sich dann bestimmte positive Eigenschaften der Ausgangsmaterialien wiederfinden.

Zum Beispiel? Durch die Kombination von Keramik (sehr hart) und Metall (leitend, verformbar) erhalten wir ein neues Material, das hart, verformbar und leitend ist. Spannend sind auch unsere Arbeiten im Bereich Zementtechnologie und Knochenheilkunde. Da unsere neuen Materialien sehr kleine Partikel der Ausgangsmaterialien enthalten, dauert es statt Tage nur einige Minuten, bis die Substanz hart und trocken ist. Dies eröffnet z.B. auch in der Kieferchirurgie neue Möglichkeiten - der Patient könnte ja nicht Tage auf dem Zahnarztstuhl liegen bleiben, bis das Implantat trocken ist.

Falls dich im speziellen der Forschungsbereich von Wendelin Stark interessiert - das sind die Chemie und Bioingenieurwissenschaften - dann schau dir doch die entpsrechende Seite der ETH Zürich an.

Deine Forschungsgruppe umfasst 24 Personen. Wie ist sie zusammengesetzt? Wir sind ein sehr interdisziplinäres Team. ChemikerInnen, PhysikerInnen, BiologInnen, ToxikologInnen, MedizinerInnen. Die Zusammensetzung ändert sich ständig. Ich habe noch nie eine Stelle ausgeschrieben. Gute Leute mit guten Ideen melden sich bei uns - und bereichern unsere Arbeit. Der Austausch unter den Disziplinen fördert auch den nachhaltigen und verantwortungsvollen Einsatz der Nanomaterialien. Es ist uns sehr wichtig, dass Erforschung neuer Anwendungen mit der entsprechenden Risikoforschung einhergeht.

Du bist jetzt 33 Jahre alt und hast schon einige wissenschaftliche Gipfel gestürmt. Hast du weitere Träume? (Lacht.) Aber sicher! Ich würde gerne noch mehr in der Medizin machen - Nanoscale surgery, Einzelzellchirurgie, zum Beispiel. Mich interessiert auch die kohlenstoffbasierte Elektronik. Und langfristig würde ich gerne in bestimmten Bereichen Prozesse entwickeln, um Chemikalien dort herzustellen, wo man sie braucht - wenn Transportwege teilweise wegfallen, könnte sehr viel Energie gespart werden. Und wenn wir schon von Träumen sprechen: Vollständige akademische Freiheit würde für mich bedeuten, dass ich mich nicht mehr um Räume und finanzielle Mittel zum Forschen bemühen müsste.

Welchen Rat gibst du den heutigen Teilnehmenden der Wissenschafts-Olympiaden mit auf den Weg? Seid stolz auf das, was ihr bereits erreicht habt! Studiert, was euch Spass macht - dann kommt’s ohnehin gut! Habt den Mut, komplizierte Sachen zu machen! Fällt wichtige Entscheidungen aus dem Bauch heraus! Instinkt ist wichtig für wissenschaftliche Kreativität.

Wenn du mehr über die Schweizer Wissenschafts-Olympiaden in Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik und Physik erfahren möchtest, findest du hier alle nötigen Informationen.

Quelle: Claudia Appenzeller, Olympiads.ch

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