Phantomschmerzen - Wenn ein fehlender Körperteil weh tut

Gibt es Schmerzen, die es nicht gibt? Schmerzen ähnlich einem Phantom, also einem Trugbild? Menschen, denen ein Körperglied amputiert werden musste, das bedeutet ein Körperteil durch eine Operation entfernt wurde, können tatsächlich noch Schmerzen am fehlenden Körperglied wahrnehmen.

Amputierter Mann

Nach der Amputation eines Körperteils treten oft Phantomschmerzen auf. Bild: CanStockPhoto

Was sind Phantomschmerzen?

Als Phantomschmerzen bezeichnet man Schmerzen, die eine Person an einem Körperglied spürt, an dem sie eigentlich gar nichts spüren sollte - weil das Körperglied gar nicht mehr vorhanden ist. Wenn das entfernte Körperglied zum Beispiel ein Arm ist, können in diesem Fall Schmerzen am kleinen Finger empfunden werden, obwohl der Finger gar nicht mehr dort ist. Die Schmerzen reichen von brennenden, stechenden und elektrisierenden Empfindungen über Kälte-/Wärme-Gefühle, bis hin zu Kribbeln und Juckreizen. Patienten berichten auch, dass es sich teilweise anfühlt, als sei das amputierte Glied in einer verdrehten Position. Sie spüren auch Berührungen oder nehmen das Körperglied plötzlich als viel länger respektive kürzer wahr als früher.

Meistens treten Phantomschmerzen erstmals kurz nach der Operation auf, sie können aber auch erst viel später auftreten. Die Häufigkeit von erstmalig auftretenden Schmerzen nimmt mit der Zeit aber stark ab. Die Patienten beschreiben oft, dass die Schmerzen nicht konstant anhalten, sondern immer wieder als Schmerzanfälle auftreten. Phantomschmerzen können gravierend sein und die Lebensqualität der betroffenen Person stark beeinträchtigen.

Woher kommen diese Phantomschmerzen?

Phantomschmerzen werden immer noch intensiv erforscht. Der genaue Grund für das Auftreten von solchen trügerischen Schmerzen ist nicht genau geklärt. Es wurden aber einige Theorien aufgestellt, die die Ursachen dieser Schmerzempfindung erklären. Eine Theorie geht davon aus, dass das Auftreten von Phantomschmerzen mit Veränderungen im Gehirn verbunden ist.

Schauen wir uns das Ganze am Beispiel vom amputierten Arm an: Reize, die wir mit unserem Körper wahrnehmen, werden ans Gehirn weitergeleitet (lies dazu auch den Artikel "Aua! Das schmerzt. Aber warum?"). So hat auch der gesunde Arm Berührungen und Schmerzen an die entsprechende Region im Gehirn weitergeleitet, die dort wahrgenommen wurden. Der nun amputierte Arm kann aber keine Reize mehr an diese Region im Gehirn senden, wodurch diese auch keine Impulse mehr vom Arm erhält. Nun findet eine Umorganisation im Gehirn statt und die Gehirnregion, die dem amputierten Arm entsprach, erhält Impulse von den Nachbarregionen. Dies kann zu Konflikten im Gehirn und somit zu Phantomschmerzen führen. Denkbar ist, dass das Gehirn weiterhin Signale an den fehlenden Arm schickt (z.B. um seine Lage im Raum festzustellen), die vom fehlenden Arm nicht "beantwortet" werden können. Daraufhin verstärkt das Gehirn die Signale, was schliesslich zu Schmerzempfindungen führt.

Nicht alle Forscher denken jedoch, dass diese Theorie richtig ist. Einige gehen davon aus, dass nicht das Gehirn, sondern das periphere Nervensystem, also das Nervensystem ausserhalb des Gehirns und des Rückenmarks, für die Phantomschmerzen verantwortlich ist. Es muss also noch einiges an Forschung betrieben werden, um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen.

Was kann man gegen Phantomschmerzen tun?

Wie bei anderen Schmerzen kann der Patient auch bei Phantomschmerzen Medikamente einnehmen, um diese Schmerzen etwas zu verringern. Der Schmerz wird durch Schmerzmittel reduziert, die einen Einfluss auf das Zentralnervensystem, also das Gehirn und das Rückenmark, haben. Hierzu zählen beispielsweise die opioiden Schmerzmittel (mehr dazu kannst du Im Artikel "Wie wirken Schmerzmittel?" nachlesen).

Neben der medikamentösen Behandlung des Schmerzes gibt es auch noch andere Therapieansätze. Ein Ansatz zum Beispiel ist, durch das Tragen einer Prothese die Region im Gehirn, die umstrukturiert wurde, wieder zu reaktivieren.

Spiegelexperiment

Spiegelexperiment: Eine durch den Spiegel geführte Eisenstange hält rechts und links des Spiegels jeweils einen Ring. Wenn du beide Ringe packst, siehst du nur deine rechte Hand, die linke wird vom Spiegel verdeckt. Bewegst du nur die verdeckte Hand, hast du den irritierenden Eindruck, dass sie deinem Willen nicht gehorcht, da du nicht siehst, dass sie sich bewegt. Würde beim Fehlen der linken Hand die rechte Hand bewegt, würde der Eindruck entstehen, dass die amputierte Hand noch vorhanden ist und sie sich mit der rechten Hand mitbewegt.
(Besucherexperiment in der Ausstellung "Dein Gehirn" in der Völklinger Hütte.) Bild: Lokilech/Wikimedia Commons, CC-Lizenz

Erfolg verspricht auch die Spiegeltherapie. Hier wird mithilfe eines Spiegels die gesunde Gliedmasse an der Position des amputierten Körperglieds gespiegelt. Wenn der Patient dann die gesunde Gliedmasse bewegt, hat er den Eindruck, die amputierte Gliedmasse sei wieder vorhanden und er würde sie mitbewegen. Wird dies regelmässig geübt, kann die Spiegeltherapie zu einer Linderung der Schmerzen führen.

Ähnlich kann auch die Technik der virtuellen Realität (VR) eingesetzt werden. Dabei werden die Bewegungen des gesunden Körperglieds auf ein virtuell erzeugtes Körperglied übertragen. Der Patient hat den Eindruck er hätte wieder zwei gesunde Gliedmassen (hier siehst du einen Patienten bei der VR-Therapie sowie das virtuelle Bild, das er sieht). So können verschiedene Formen der Therapie kombiniert werden, um dem Patienten so gut wie möglich zu helfen.

Der Amputationsstumpf kann auch schmerzen

Die genaue Ursache von Phantomschmerzen ist noch unklar. Weniger rätselhaft sind Schmerzen und Empfindungen am Amputationsstumpf. Hier spricht man nicht von Phantomschmerzen, sondern vom Stumpfschmerz. Stumpfschmerzen können gleichzeitig wie Phantomschmerzen auftreten, müssen sie aber nicht. Solche Schmerzen können ihren Ursprung beispielsweise in Durchblutungsstörungen, Narben oder Druckstellen durch Prothesen haben. Es ist auch möglich, dass die durch die Amputation entstandenen freien Nervenenden auf ihrer Suche nach einer neuen Anschlussstelle sich ziellos verzweigen. Das dadurch entstandene sogenannte Neurom kann starke Schmerzen verursachen.

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