Schlangengift: Schaden und Nutzen gehen Hand in Hand

In diesem Artikel unternehmen wir eine Reise nach Südamerika, genauer gesagt nach Brasilien, Paraguay und Argentinien. Denn in diesen Ländern ist die Jararaca-Lanzenotter zu Hause. Warum diese Schlange so speziell ist und wie sie der modernen Medizin geholfen hat, erfahrt ihr hier.

Jararaca-Lanzenotter

Die Jararaca-Lanzenotter lebt hauptsächlich in Brasilien, Argentinien und Paraguay. Bild: CanStockPhoto

Die Jararaca-Lanzenotter ist weder besonders gross noch besonders imposant gefärbt, noch ist sie die gefährlichste Schlange der Welt. Ihre rötlich-braune Schuppung ist nicht sonderlich auffällig, ja, man könnte eine solche Otter schnell einmal übersehen. Aber diese Schlange hat etwas anderes, was sie zur Besonderheit macht: ihr Gift.

Einsame Spitze auf ihre eigene Art

Das Gift der Jararaca ist nämlich ein hochkomplexes Gemisch von verschiedenen Toxinen. In diesem Gemisch findet man Enzyme, also Proteine welche eine chemische Reaktion beschleunigen, aber auch sogenannte Polypeptide und Metallionen. Trotz neusten Fortschritten in der Wissenschaft kennt man noch nicht alle Funktionen der verschiedenen Bestandteile dieses Giftes. So komplex wie die Zusammensetzung des Giftes ist, so vielfältig sind auch die Symptome nach einem Biss. Denn die Enzyme können bei einem Biss das Gewebe in der Nähe der Bissstelle zerstören oder zum Absterben von Muskelgewebe führen. Zudem können bestimmte Inhaltsstoffe des Giftes die roten Blutkörperchen zerstören oder die Blutgerinnung beschleunigen. Aber nicht alle Inhaltsstoffe haben eine ausschliesslich schädliche Wirkung: Vor rund 50 Jahren gelang es nämlich dem brasilianischen Arzt Sérgio Henrique Ferreira, den sogenannten Bradykinin-potenzierenden Faktor – kurz BPF –  aus dem Schlangengift der Jararaca zu isolieren.

Die Entstehung der ACE-Hemmer: wie die Jararaca-Lanzenotter der Medizin hilft

Die Entdeckung des BPF hat bis heute weitreichende Folgen. Dieser Stoff wurde nämlich im Jahr 1974 zu dem sogenannten Captopril weiterentwickelt. Captopril ist zu einem der wichtigsten Medikamente gegen Bluthochdruck und Herzversagen aufgestiegen. Doch wie funktioniert genau ein Stoff aus dem Schlangengift als Blutdrucksenker? Das Captopril kann seine medizinisch nützliche Wirkung entfalten, indem es auf ein anderes Enzym in unserem Körper wirkt: das ACE (kurz für Angiotensin-konvertierendes Enzym). Captopril hemmt ACE und verhindert so, dass weitere Enzyme wie Angiotensin 1 und 2 gebildet werden. Wenn dadurch weniger Angiotensin 2 vorhanden ist, sinkt die Spannung in den Wänden der Blutgefässe und der Blutdruck sinkt. Aufgrund dieses Effektes werden Captopril und andere Substanzen auch als ACE-Hemmer bezeichnet.

Ein weiteres medizinisch relevantes Enzym im Schlangengift: die Reptilase

Nicht nur die Entstehung der ACE-Hemmer haben wir der Jararaca-Lanzenotter zu verdanken, sondern auch die heutigen Anwendungen des Enzyms Reptilase. Dieses Enzym wird heutzutage sowohl für Tests ausserhalb des Körpers (in vitro) oder als Medikament im Körper (in vivo) eingesetzt. Reptilase beschleunigt über mehrere Zwischenschritte die Blutgerinnung und kann benutzt werden, um Gerinnungsstörungen zu diagnostizieren. Ebenfalls beeinflusst Reptilase die Blutgerinnung im Körper und wird in speziellen Fällen zur Verhinderung von Blutgerinnseln verwendet.

Beim Schlangengift gehen Schaden und Nutzen also Hand in Hand; bei einer Begegnung in der Natur ist aber immer Vorsicht geboten, denn bei einem Biss überwiegen die schädlichen Wirkungen immer!

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