Auf Tuchfühlung mit Walen und Delfinen

Zwei Monate verbrachte ich am südlichsten Zipfel Spaniens, denn hier wollte ich mehr über die Wale lernen und aktiv zu deren Schutz beitragen. Als Volontärin arbeitete ich bei der Schweizer Stiftung firmm und konnte so Begegnungen mit diesen Giganten machen, wie ich sie sonst noch nie erlebt habe.

Carina Doll als Volontärin bei firmm
Carina Doll auf dem Boot beim Whale Watching mit der Stiftung firmm. (Bild: Melanie Fraundorfer)

Tarifa - die südlichste Stadt des europäischen Festlandes, bloss 14 km von Marokko entfernt und Hochburg für Kitesurfer. Doch nicht bloss für Sportler ist es ein beliebtes Ziel, auch Walbeobachter kommen hier auf ihre Kosten. Denn die Strasse von Gibraltar, die Europa von Afrika trennt und das Mittelmeer mit dem Atlantik verbindet, birgt ein grosses Nahrungsangebot für die Meeressäuger. So hat auch die Schweizer Stiftung firmm (foundation for information and research on marine mammals) ihren Platz in Tarifa gefunden und trägt mit ihrer Informations- und Forschungsarbeit zum Schutz der Meeressäuger bei. Ganz unter dem Motto: „respectful whale watching“.

„Was, in Spanien gibt es Wale???“

Vor meiner Abreise nach Tarifa war dies wohl die häufigste Frage, die mir gestellt wurde. „Ja! Und zwar ganz viele!“ musste ich dann jeweils erklären. Die tektonischen Begebenheiten, Meeresströmungen und die hohe Sonneneinstrahlung sind Grund für das grosse und konstante Nahrungsangebot in der Strasse von Gibraltar. Dies ermöglicht es den Tieren hier zu sein, gewisse Arten kann man sogar das ganze Jahr hindurch beobachten.

Grindwal

Ein Grindwal taucht auf (Bild: Carina Doll)

Insgesamt gibt es sieben Wal- und Delfinarten, die häufig beobachtet werden; vier davon sind resident, das bedeutet, sie leben das ganze Jahr in der Strasse. Zu letzteren gehören die gewöhnlichen Delfine, die gestreiften Delfine, die grossen Tümmler und die Grindwale (auch Pilotwale genannt). Im Frühling kann man vermehrt Pottwale sehen, im Sommer von Juli bis August ist Orca-Zeit und auch der Finnwal kann das ganze Jahr über beobachtet werden, zieht aber jeweils ziemlich schnell durch die Strasse und ist somit eher schwierig zu sehen.

Für mich war also klar: „Ich will einen Pottwal sehen, vorher gehe ich nicht nach Hause!“

Mein erstes Treffen mit den Walen

Als Volontärin habe ich verschiedene Aufgaben bekommen. Ein wichtiger Teil der Arbeit waren die halbstündigen Informationsvorträge für die Besucher vor den Ausfahrten aufs Meer. Mit diesen Vorträgen informierten wir die Besucher über die Tiere, die Strasse von Gibraltar sowie aktuelle Umweltprobleme. Damit alle die Vorträge verstehen konnten, wurden sie in verschiedenen Sprachen gehalten.

junger Grindwal

Ein Grindwal-Junges kommt ganz nah zum Boot (Bild: Carina Doll)

Nach diesen Vorträgen fuhren wir aufs Meer hinaus und ich begleitete die Besucher auf dem Boot, um bei Fragen zur Stelle zu sein. Dabei liess ich mir die Wale und Delfine neben dem Boot natürlich nicht entgehen.

Auf meiner ersten Ausfahrt waren wir gleich schon umringt von Grindwalen, die neugierig aus dem Wasser guckten. Sie schwammen so nah ans Boot heran, dass wir sie sogar atmen hören konnten. Das ganze Boot wurde still und liess sich faszinieren von diesen grossen Säugetieren. Doch neben Grindwalen konnten wir auch Tümmler beobachten, die uns ihre Sprünge zeigten oder in den Bugwellen der grossen Frachtschiffe surften.

Fluke eines Pottwals

Ein Pottwal zeigt seine Fluke beim Abtauchen (Bild: Barbara Doll)

Am nächsten Tag fuhr ich gleich wieder hinaus als Guide und hatte meine erste Begegnung mit einem Pottwal. Dieser 18 Meter grosse Zahnwal lag nun vor uns im Wasser und sah aus wie ein grosser Baumstamm, der ab und zu einen Blas von sich gab. Nach ein paar Minuten kam Bewegung in diesen Baumstamm. Er tauchte ab und verabschiedete sich von uns mit seiner majestätischen Fluke. Es war beeindruckend zu sehen, wie geschmeidig sich ein so grosses Tier bewegen kann.

In den folgenden Tagen und Wochen konnte ich regelmässig aufs Meer hinaus fahren, um weitere Meeressäuger zu bestaunen. So erlebte ich eine Ausfahrt, auf der wir drei Finnwale nebeneinander schwimmen sahen, eine andere mit fünf Pottwalen; beobachtete Grindwale beim "Spyhopping" (siehe Bild) und Tümmler beim Springen; gewöhnliche und gestreifte Delfine, wie sie durchs Wasser flitzten; und manchmal waren sogar Mondfische (auch Mola Mola genannt), zu sehen. Jede Ausfahrt war eine Überraschung. Man wusste nie, was auf einen zukommt und welche Tiere man beobachten kann.

Grindwal

Ein Grindwal beim "Spyhopping": Mit kräftigen Bewegungen seiner Schwanzflosse hält er sich senkrecht im Wasser und betrachtet die Umgebung über der Wasseroberfläche. Anders als Fische sehen Wale und Delfine über Wasser recht gut, da ihre Augen noch Ähnlichkeit mit denen ihrer landlebenden Vorfahren haben. (Bild: Barney Moss/Wikimedia Commons, CC-Lizenz)

Volontärin sein

Als Volontärin beschränkte sich die Arbeit nicht bloss auf Vorträge und Ausfahrten, sondern man half im Büro mit, übersetzte Texte ins Englische und Französische oder trug die erhobenen Daten ein für die Forschungsarbeit.

In Tarifa hat es auch sehr oft starken Wind, den Levante aus dem Osten oder den Poniente aus dem Westen. An Levante-Tagen mit zu viel Wind fuhren wir mit dem Auto auf Promotionstour, und so konnte ich gleich die umliegenden Städte erkunden. Wenn unser Biologe Vorträge für die Kursteilnehmer hielt, konnten wir manchmal mithören oder begleiteten die Gruppe auf Küstenwanderungen, um die Tier- und Pflanzenvielfalt des Litorals zu bestaunen. Dabei entdeckten wir Seeanemonen, Einsiedlerkrebse und Seepocken.

Ich konnte auch über diese faszinierenden Meerestiere sehr viel dazulernen und aufgrund der vielen Begegnungen mit Meeressäugern ein ganz anderes Verständnis für sie entwickeln. Leider sind mittlerweile viele Arten bedroht. Gründe hierfür könnten in der Überfischung und der Verschmutzung ihres Lebensraums liegen. Auch die Unmengen an Plastik, die im Meer herumtreiben, sind eine Gefahr für die Meerestiere, da sie diese für Nahrung halten und fressen.

Hasta luego Tarifa

Von den vielen Walen und Delfinen musste ich mich inzwischen verabschieden und kehrte nach Hause zurück, erfüllt von den vielen Eindrücken, Erfahrungen und Erlebnissen, die ich während diesen zwei Monaten gesammelt habe. Doch ich werde bestimmt bald wieder den Weg nach Tarifa finden, denn im Juli und August kommen die Orcas. Die darf ich natürlich nicht verpassen!

Quelle: Carina Doll, Studentin Umweltnaturwissenschaften ETH Zürich

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