Keine Insekten auf meinem Teller – Interview mit Christian Niels Schwab, Leiter Integrative Food and Nutrition Center, EPFL

Die Lebensmittelherstellung ist für ein Viertel des CO2-Ausstosses verantwortlich, für 70 Prozent des Frischwasserverbrauchs, für die Hälfte der jährlich anfallenden 141 Tonnen Verpackungsabfall. Für Christian Niels Schwab, Leiter des "Integrative Food and Nutrition Center" an der EPFL, ist klar: So kann es nicht weitergehen. Und er sagt: Die Wissenschaft kann uns dabei helfen, uns nachhaltiger zu ernähren.

Das Integrative Food and Nutrition Center an der EPFL engagiert sich unter anderem in der Erforschung der Präzisionslandwirtschaft (Precision Agriculture). Bild: CanStockPhoto

Bild: Christian Niels Schwab, Leiter des "Integrative Food and Nutrition Center" an der EPFL

Technoscope: Was werden wir morgen auf dem Teller haben? Nur ein paar Pillen und ein paar Insekten?

Christian Nils Schwab: Essen ist Kultur, Teilen und Geniessen. Jede Lösung, die diese Aspekte ignoriert, wird sich nicht durchsetzen können. Niemand muss also befürchten, sich mit Raclette-Pillen oder Rindsragout-Tabletten begnügen zu müssen.

Wie sehen mögliche Lösungen denn aus?

Ohne den Genuss des Essens zu schmälern, wird uns die Wissenschaft helfen, tierische Proteine durch pflanzliche Proteine zu ersetzen. Das wird sowohl in Bezug auf den CO2-Fussabdruck wie auf das Wohlbefinden der Tiere eine grosse Verbesserung bringen. Die Wissenschaft wird uns auch Alternativen zu den Kunststoffverpackungen bieten. Und die Präzisionslandwirtschaft mit ihrem Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotik wird es uns ermöglichen, die gleichen Nahrungsmittel mit 95 Prozent weniger Chemikalien zu produzieren. Wir werden in etwa also wahrscheinlich dasselbe essen wie heute. Aber alles, was auf unsere Teller kommt, wird die Umwelt viel weniger belasten.

Werden wir auch weiterhin so viel Fleisch essen können?

Nein, wir essen im Moment viel zu viel Fleisch. Die gleiche Menge an Kalorien aus pflanzlichen Quellen erzeugt 40 Mal weniger CO2 als die Kalorien aus Rindfleisch. Die Wissenschaft kann zwar die Produktion optimieren, aber das allein genügt nicht. Auch die Menschen müssen ihr Essverhalten anpassen: weniger Fleisch, weniger Fertigprodukte, weniger Food waste.

Wir haben schlechte Gewohnheiten entwickelt?

Ja – und in der Geschichte der Menschheit ist das etwas ganz Neues. Zwei Begriffe, "Convenience" (Bequemlichkeit) und "Indulgence" (Genuss) haben zu einer sehr zucker- und salz- und fettreichen Ernährung geführt oder zu einer Hyperverarbeitung der Lebensmittel, die das Nährwertprofil unserer Nahrung erheblich verändert hat.

Kommen wir zurück zum Anfang: Was haben Sie selber heute auf dem Teller?

Ich bin noch nicht Vegetarier, sondern eher ein Flexitarier, für den Fleisch zur Ausnahme geworden ist. Ich ersetze es durch proteinreiches Gemüse. Gefüllte Grillen hat es auf meinem Teller vorläufig noch keine. Meiner Meinung nach werden Insekten kaum zum Alltagsgericht werden. Man wird sie höchstens als Mehl bestimmten Produkten wie etwa Energieriegeln beimischen. Und natürlich können sie Soja im Tierfutter ersetzten. Statt Fischmehl werden beispielsweise unsere Hühner dann endlich wieder Insekten fressen.

Quelle: Technoscope 2/20: Food – Essen heute und morgen. Technoscope ist das Technikmagazin der SATW für Jugendliche

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