"Je mehr Daten wir von uns preisgeben, desto angreifbarer werden wir"

Jeder und jede muss sich heute gegen Übergriffe im Internet schützen, davon ist Solange Ghernaouti überzeugt. Die Professorin für Cyberkriminalität an der Universität Lausanne erklärt im Interview, weshalb Cyberkriminelle fast nie gefasst werden und weshalb wir ihnen mit den sozialen Medien in die Hände spielen.

"Man sollte möglichst wenig Daten von sich im Internet preisgeben". Bild: CanStockPhoto

Frau Ghernaouti, gibt es heute schon Beispiele für grossangelegte cyberkriminelle Attacken?

In den USA gab es einen Fall, wo die Stromversorgung einer Stadt gehackt und lahmgelegt wurde. Cyberkriminalität ist für Staaten und Unternehmen heute bereits eine grosse Gefahr und sollte als Schlüsselthema der nationalen Sicherheitspolitik behandelt werden. Diesen Sommer wurden zudem die persönlichen Daten von 37 Millionen Nutzer des Internetdienstes "Ashley Madison" von Unbekannten gestohlen. Das ist ein Online-Dating-Service und die Nutzer gingen davon aus, dass ihre Daten sicher aufgehoben sind und sie sich auf dieser Plattform anonym bewegen. Das hat sich als Trugschluss herausgestellt. Für viele Menschen hatte dies schwerwiegende Folgen für ihr Privat- und Berufsleben.

Sind wir also alle potentiell durch Cyberkriminalität gefährdet?

Auf jeden Fall! Im Internet kommt es immer wieder zu Betrugsfällen. Durch das Internet wurde es für Kriminelle sehr einfach Opfer zu erpressen und sie unter Druck zu setzen. Jeder ist heute einem Risiko ausgesetzt und die meisten Internet-Nutzer können sich nicht dagegen wehren, weil sie die Technologien und das Wissen dazu nicht haben. Einfach nur eine Antivirus-Software zu installieren genügt heute nicht mehr.

Aber wer im Internet etwas vorsichtig ist und nicht auf Betrügereien per E-Mail hineinfällt, der kann trotzdem sicher surfen, oder?

Nicht unbedingt. Vieles läuft heute im Verdeckten ab. Persönliche Daten können gestohlen werden, ohne dass ich das Geringste davon bemerke. Das ist anders, als wenn ich mein Portemonnaie verliere und dann genau weiss, welche Karten ich sperren muss.

Was kann jeder einzelne tun, um sich besser vor solchen Angriffen und Diebstählen zu schützen?

Um sich nicht unnötig Risiken auszusetzen, sollte man möglichst wenig Daten von sich im Internet preisgeben. Denn je mehr Daten zu einer Person im Internet verfügbar sind, desto einfacher ist es für Kriminelle diese zu betrügen, für Geld zu erpressen oder deren Identität auf dem Web zu manipulieren. Die Cyberkriminellen wissen durch die Vielfalt an Daten im Internet oft besser über uns Bescheid, als wir selbst. Je mehr wir also Internet-Dienste und Social Media nutzen, desto verwundbarer machen wir uns. Das ist sehr gefährlich!

Wie gehen Sie selbst mit diesem Risiko um?

Ich benutze das Internet nur für berufliche Zwecke. Ich kommuniziere nicht über Social Media und kaufe auch nicht über Internet ein. So versuche ich die über mich verfügbaren Daten möglichst gering zu halten.

Wie kritisch sind Social Media punkto Cyberkriminalität?

Facebook, Twitter, Linkedin und andere Dienste stehen im Fokus der Cyberkriminellen, weil Menschen dort sehr viel persönliche Daten von sich preisgeben. Die meisten Social Media können nicht für die Sicherheit von persönlichen Daten garantieren.

Wie könnte man den Cyberspace sicherer machen?

Wir sollten vor allem die grossen Internet-Firmen dazu drängen, dass sie die Verletzlichkeit ihrer Nutzer und Sicherheitslücken im System effektiv bekämpfen. Denn selbst wenn Internet-Nutzer lernen, sich vorsichtig und bewusst im Internet zu bewegen, haben sie über die Sicherheitslücken der Systeme keine Kontrolle.

Wie schwierig ist es für die Polizei gegen Cyberkriminelle vorzugehen?

Die Polizei ist heute noch fast machtlos. Cyberkriminalität hält sich nicht an Staatsgrenzen und die Spuren im Cyberspace können sehr gut verwischt werden. Es ist deshalb enorm schwierig, die Urheber einer Attacke zu eruieren. Die Kriminellen können irgendwo auf der Welt sein und in meinen Computer einbrechen. Zudem getrauen sich Private aus Scham oft gar nicht die Polizei zu kontaktieren. Das wissen die Cyberkriminellen natürlich und nützen dies skrupellos aus.

Ist die Schweiz heute bereits gut auf Cyberattacken vorbereitet?

Nicht wirklich. Zwar steigt das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Problems, aber es fehlt an Ressourcen und konkreten Massnahmen. Bisher wurden erst zwei Fälle vor dem Bundesgericht behandelt, obschon wir wissen, dass es viel mehr Delikte gibt.

Waren Sie selbst auch schon Mal Opfer von Cyberkriminellen?

Ja, Anfang 2015 wurden nach den Anschlägen auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris viele französischsprachige Webseiten zum Thema Cybersecurity attackiert. Meine Webseite wurde ebenfalls lahmgelegt. Das war beängstigend, denn auch das ist eine Art von Terrorismus. Es hat mich zudem zwei Tage Arbeit gekostet, bis die Webseite wieder lief.

Text: SATW / Samuel Schläfli
Quelle: Technoscope 3/15: Cyber Security. Technoscope ist das Technikmagazin der SATW für Jugendliche

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