Erde & Umwelt

Das verborgene Reich der Pilze

Pilze an einem Baumstamm

Bild: Ursula Oggenfuss

Sicher hast du schon einmal Champignons gegessen oder im Geschäft angeschaut. Ein Hut, ein Stiel, eine leicht schwammige Konsistenz, und das ist der ganze Organismus, oder? Nein, denn tatsächlich sind Hut und Stiel nur ein kleiner, kurzlebiger Teil des Pilzes. Willkommen im faszinierenden Reich der Pilze!

Collage: Blick von unten in eine dichte Baumkrone, Hut eines Champignons

Der sichtbare Teil eines Baumes und eines Hutpilzes. Aber was befindet sich unter der Erde? Bild: Ursula Oggenfuss

Anders als andere Lebewesen

Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere! Lange dachten die Forscherinnen und Forscher, dass Pilze zum Reich der Pflanzen gehören. Aber bei der Erforschung ihres Erbguts stellte sich heraus, dass Pilze so verschieden von anderen Lebewesen sind, dass sie ein eigenes Reich bilden. Und sie sind näher verwandt mit Tieren als mit Pflanzen!

Ein unterirdisches Geflecht

Champignons aus dem Laden haben einen abgeschnittenen Stiel. Hutpilze, die wir im Wald sehen, wachsen aus der Erde oder aus einem Baumstamm heraus. Was genau passiert aber auf der anderen Seite der Schnittstelle?

Zeichnung zweier Bäume, im Erdreich verzweigte Wurzeln und mit Lupe vergrösserte Pilzhyphen

Die oberirdischen Strukturen von Pflanzen und Pilzen sind nur ein kleiner Teil des jeweiligen Organismus! Bild: Ursula Oggenfuss

Tatsächlich bilden Pilze Strukturen, die den Wurzeln von Pflanzen auf den ersten Blick stark ähneln: die sogenannten Hyphen, das sind mikroskopisch feine Röhrchen aus langgestreckten Zellen. Die Hyphen, von Auge kaum sichtbar, durchziehen die Erde oder den Baumstrunk. Dieses Geflecht ist der tatsächliche Pilz!

Hyphen-Zellen können zusammenwachsen und so grössere Netzwerke von Röhren bilden, das Myzel. Hyphen transportieren Nährstoffe und Wasser von einem Ende des Geflechts zum anderen. Durch dieses unterirdische, dreidimensionale Netzwerk haben Pilze die Möglichkeit, riesige Dimensionen anzunehmen. Der grösste bisher bekannte Pilz mit dem Namen „humongous fungus“ befindet sich in Oregon, USA, und breitet sich über eine Fläche von fast 10 Quadratkilometern aus.

Die Pilzhüte, die wir als Champignon, Morchel oder Steinpilz essen, sind die Fruchtkörper der Pilze. Fruchtkörper sind meist kurzlebig und dienen dazu, die Sporen des Pilzes zu verbreiten, aus denen dann wieder neue Pilze heranwachsen. Die Fruchtkörper bestehen ebenfalls aus langgestreckten Hyphen-Zellen, die aber extrem dicht zusammengepackt sind. Bei manchen Pilzen können die Fruchtkörper eine Länge von bis zu 10 Metern erreichen, bei anderen sind sie so klein, dass man sie nur mit der Lupe sieht, und wieder andere Pilze bilden gar keine Fruchtkörper.

Drei Hefezellen, eine davon mit sprossender Tochterzelle

Hefezellen unter dem Mikroskop: Bei der Zelle oben rechts sieht man gerade die Knospe einer Tochterzelle. Bild: Dr. Xin Zhou

https://link.springer.com/article/10.1007/s40588-018-0107-9

Der vielleicht bekannteste Pilz ohne Fruchtkörper ist die Hefe, die wir zum Brotbacken oder zur Herstellung von Wein und Bier brauchen. Hefepilze sind winzig klein, sie bestehen aus einer einzelnen, rundlichen Zelle. Hefen haben eine interessante Art der Fortpflanzung, die „Knospung“ genannt wird, und bei der eine Tochterzelle aus der Mutterzelle herauswächst.

Die Vielfalt der Pilze als illustriertes Poster (mit englischem Text).

Das Reich der Pilze ist also ungemein vielfältig! Was wir als „Pilz“ wachsen sehen, ist immer nur ein kleiner Teil des Lebewesens – und daneben gibt es auch noch zahlreiche Pilzarten, die wir gar nicht von Auge erkennen, sondern nur unter dem Mikroskop betrachten können.

Nicht komplex, aber sehr anpassungsfähig

Pilze sind auf den ersten Blick sehr einfach aufgebaut und haben nicht die Komplexität von Tieren oder Pflanzen, die unterschiedliche Organe (z. B. ein Herz) und Gewebe (z. B. Muskeln) bilden. Jede Pilzzelle kann für sich genommen selbst weiterwachsen, was tierische Zellen nur unter extremen Laborbedingungen können und bei Pflanzen nur wenige spezielle Zellen in der Natur.

Pilze kommen in fast allen Regionen der Welt vor und besiedeln verschiedene Lebensräume: in der Erde, in Pflanzen, Tieren, aber auch im Wasser. In Kombination mit Algen bilden Pilze Flechten, die an trockene und nährstoffarme Bedingungen angepasst sind. Viele Pilze reagieren sehr schnell auf extreme Bedingungen und werden resistent gegen Hitze, Trockenheit oder Fungizide (Pilzbekämpfungsmittel). Pilze haben sogar auf der internationalen Raumstation überlebt!

Obwohl Pilze in unseren Augen nicht so komplex sind wie etwa eine Rose oder ein Hund, heisst es nicht, dass sie nicht Meister im Überleben sein können.

Text: Ursula Oggenfuss und Redaktion SimplyScience.ch
Quellen und weitere Literatur:
Merlin Sheldrake: Verwobenes Leben: Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen. Ullstein, 2020. ISBN 978-3-550-20110-3
Humongous fungus (Englisch): https://www.oregonencyclopedia.org/articles/humongous-fungus-armillaria-ostoyae/
Riesiger Fruchtkörper (Englisch/wissenschaftliche Publikation): https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1878614611001139?via%3Dihub

Erstellt: 28.08.2023
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