Technoscope: Was ist Nanomedizin und wie funktioniert sie?
Alex Dommann: Die Nanotechnologie beschäftigt sich mit Strukturen im Nanometerbereich. Der Zufall will es, dass dies auch die Grössenordnung von Zellen, Proteinen und Molekülen oder Viren ist. Dass wir bis in diesen Bereich vorgestossen sind, verdanken wir der Elektronik: Weil sie immer kleiner wird, sind auch die Tools, die wir für sie entwickelt haben, immer genauer geworden. So sind wir vom Mikro- in den Nanobereich gelangt. Für die Medizin ist das eine Riesenchance. Nun kann sie genau dort eingreifen, wo sich die grundlegenden Lebensvorgänge in unserem Körper abspielen.
Warum ist das ein Vorteil?
Es bedeutet, dass die Diagnostik viel sensibler wird. Wir können Abweichungen vom «Normalzustand» früher erkennen und sind auch in der Therapie – also bei der Behandlung – viel genauer. Wir können zum Beispiel genetisches Material oder Medikamente in winzigen Kapseln, sogenannten Nanocarriern, direkt ins Innere einer bestimmten Zelle schleusen, um dort Gene zu reparieren oder Krankheiten zu behandeln. Dadurch werden zudem Nebenwirkungen anderswo im Körper vermindert.
Wie verändert die Nanotechnologie die Medizin?
Sie trägt zusammen mit den Omics-Technologien und der Bioinformatik zu grossen Fortschritten in der Medizin bei. Sie alle helfen dabei, bis auf Ebene der Zellen, Moleküle und Proteine besser zu verstehen, welche Prozesse in einem gesunden Körper störungsfrei zusammenspielen müssen. Gleichzeitig verfügen wir nun zum ersten Mal über Tools, die uns erlauben, im richtigen Massstab auf diese Prozesse Einfluss zu nehmen. Zusammen mit der verbesserten Früherkennung wird das langfristig die Krankheitskosten senken.
Gibt es heute schon Anwendungen?
Ja, sehr viele. Ein Beispiel sind Goldnanopartikel, die Licht absorbieren und dadurch Wärme erzeugen, die Krebszellen zerstört. Oder magnetische Nanopartikel, die als Kontrastmittel eingesetzt, die Bildqualität bei der Magnetresonanztomographie (MRT) stark verbessern. Spannend ist, dass in der Schweiz Nanomedizin schon praktiziert wurde, als noch niemand etwas davon wusste: Caspar Friedrich Hausmann, ein Apotheker aus St. Gallen, entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Medikament zur Behandlung von Eisenmangel, das noch heute unter dem Namen Venofer weltweit erfolgreich ist. Heute verstehen wir auch, warum es besser funktioniert als vergleichbare Präparate: Hausmann dosierte die Zutaten seines Mittels damals ohne es zu wissen so, dass es aus wirksamen Nanoteilchen bestand.
