Technik & Materialien

Segeltuch und Edel-Seide: Die Welt der Pflanzenfasern

Geöffnete Baumwollkapsel, aus der die weissen Samenfäden hervorquellen

Baumwolle wird aus den weissen Samenhaaren der Baumwollpflanze hergestellt. Bild: Begonia/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Zur Textilherstellung nutzt man verschiedenste Pflanzenfasern. Flachs, Hanf und Baumwolle waren oder sind die Materialien der Wahl für Alltagstextilien. Doch es gibt auch eine Faser, die nur in so geringer Menge verfügbar ist, dass die daraus hergestellten Kleidungsstücke höchst exklusiv sind.

Zur Gewinnung von Fasern für Textilien können unterschiedliche Pflanzenteile genutzt werden. Bei der Baumwolle sind es die weissen, langen Samenhaare – eigentlich ein Teil der Verbreitungsstrategie der Pflanze, da sich behaarte Samen leichter vom Wind davontragen lassen und besser auf dem Wasser schwimmen als unbehaarte Samenkörner. Schon vor Jahrtausenden fiel den Menschen auf dem indischen Subkontinent auf, dass sich die bauschigen weissen Bällchen in den Samenkapseln der Baumwollpflanze zu Fäden verspinnen lassen, die zur Herstellung von Textilien geeignet sind. Heutzutage sind es vier Arten von Baumwollpflanzen, die kultiviert und zur industriellen Produktion von Stoff verwendet werden.

Hanfstängel mit abgeschälter Faserschicht

Hanfstängel, bei dem die Fasern vom holzigen Innenbereich abgetrennt sind. Bild: Natrij/Wikimedia Commons

Hanf, die Grundlage für „Segeltuch“

In Europa jedoch gedeiht die Baumwollpflanze nicht. In unseren Breiten wurden bis vor 200 Jahren hauptsächlich andere Pflanzenfasern genutzt, beispielsweise Hanf und Flachs. Beim Hanf liegen die verwendbaren Fasern in der äussersten Schicht des Stängels. Sie sind in Bündeln um den verholzten Kern angeordnet. Hanffasern lassen sich zu äusserst stabilen, reissfesten Schnüren und Garnen verarbeiten. Während Jahrhunderten wurden sie in Europa hauptsächlich zur Herstellung von Seilen, Säcken und Segeltuch verwendet, waren also enorm wichtig für die damalige Schifffahrt. Für die Ausrüstung eines einzigen Segelschiffes benötigte man viele Tonnen Hanffasern – und das ungefähr alle zwei Jahre, da die Segel und Taue regelmässig ersetzt werden mussten. Für Kleiderstoffe war diese Faser relativ grob. Dies hat sich allerdings mit den modernen Verarbeitungsverfahren geändert; seit einiger Zeit ist eine grössere Auswahl an Naturfasern neben Baumwolle gefragt, und Hanf beginnt eine wichtige Rolle in der Bekleidungsindustrie zu spielen.

Stroh der Flachspflanze, Flachsgarn und -seile

Stroh der Flachspflanze, Flachsgarn und -seile. Bild: Florian Gerlach/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Leinen, der traditionelle Wäschestoff

Ebenfalls wieder beliebt wird Leinen, der Stoff aus einer anderen europäischen Faserpflanze: dem Flachs. Auch die Flachsfasern gehören zu den Bastfasern, welche dem Stängel der Pflanze Festigkeit geben. Nach der Ernte werden die Stängel erst ein paar Tage feucht gehalten, damit Bakterien und Pilze das Pektin abbauen können, welches die Fasern verklebt. Danach trocknet man das Flachsstroh und entfernt mechanisch die verholzten Teile sowie kurze Faserstückchen, die nicht lang genug zum Verspinnen sind. Für jeden der Verarbeitungsschritte gibt es verschiedene Techniken. Als Kleiderstoff eignet sich Leinengewebe gut, es bildet keine Flusen und ist reissfest und schmutzabweisend. Traditionell wurde es für Unterwäsche, Tücher und Bettwäsche verwendet, aber auch für Seile jeder Stärke.

Eine neuere Erfindung: Stoff aus Holzfasern

Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Verfahren erfunden, mit dem die Cellulosefasern von Holz zu spinnbaren Fasern verarbeitet werden können. Diese Fasern sind zwischen Chemie- und Naturfasern angesiedelt und spielen heute eine wichtige Rolle in der Textilindustrie. Mehr dazu erfährst du hier: Sommerkleid und Klarsichtfolie – wie aus Holz völlig verschiedene Materialien hergestellt werden

Aufgeschnittener Lotos-Stängel, von zwei Händen auseinandergezogen, so dass die sehr feinen weissen Fasern darin sichtbar werden

Die feinen Fasern werden von Hand aus dem Stängel der Lotospflanze gezogen. Bild: Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Maschinen erleichtern die Massenproduktion

In Europa werden seit dem Aufkommen der Dampfmaschinen im 19. Jahrhundert so gut wie keine Textilien mehr in Handarbeit hergestellt. Internationaler Handel und technische Entwicklungen führten dazu, dass heute die weitaus meisten Kleider industriell und aus wenigen verschiedenen Fasern gefertigt werden: Baumwolle ist mit Abstand die beliebteste Naturfaser, bei den synthetischen Fasern ist es Polyester. Wer etwas Besonderes möchte, wählt vielleicht Seide oder Kaschmir. Doch tatsächlich gibt es noch weitere Naturfasern, die sich hervorragend für Bekleidungsstoffe eignen – nur sind sie wegen ihrer Seltenheit und aufwändigen Gewinnung äusserst exklusiv. Hast du zum Beispiel schon einmal von Lotos-Seide gehört?

Lotos-Seidenweberin an einem traditionellen Webstuhl

Lotos-Seide auf dem Webstuhl. Bild: Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Edle Faser aus einer heiligen Pflanze

„Der kostbarste Stoff der Welt“ wird er genannt: der seidige, weiche Stoff, der in Myanmar, Thailand und Vietnam aus den Fasern der Lotuspflanze hergestellt wird. Es handelt sich auch in diesem Fall um Fasern aus dem Stängel der Pflanze, aber mit nur 5 Mikrometern Durchmesser sind sie unglaublich fein. Nur von Hand können sie ganz vorsichtig herausgezogen werden. Überhaupt ist die Herstellung der Lotos-Seide ausschliesslich Handarbeit, von der Ernte der im Wasser wachsenden Pflanzen mit Holzbooten über die Fasergewinnung und das vorsichtige Verdrillen der Fäden bis zum Weben auf traditionellen Holzwebstühlen. Die Fäden müssen zu Anfang immer feucht gehalten werden, da die Fasern sonst leicht brechen, und auch das fertige Garn ist relativ empfindlich und kann nicht maschinell verwebt werden. Das Wissen um diese Verarbeitungstechniken wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Eine „Massenproduktion“ von Lotos-Seide gab es nie, durften doch lange Zeit nur Buddhastatuen und Mönche Kleider daraus tragen. Doch seit einigen Jahren interessieren sich nun internationale Kunden für diesen edlen Stoff. Er gleicht Rohseide, ist weich, atmungsaktiv und leicht elastisch. Für ein Jackett aus diesem Stoff muss man mit einem Preis von über 6000 Euro rechnen. Da dafür aber rund 26‘000 Stängel geerntet und von Hand verarbeitet werden müssen, was wochenlange Arbeit allein für die Herstellung des Stoffs bedeutet, ist dies durchaus nachvollziehbar. Es bleibt zu hoffen, dass faire Preise für die Produzentinnen und die Bewahrung wichtiger traditioneller Strukturen dazu führen, dass dieses alte Handwerk auch in Zukunft nachhaltig zur Lebensgrundlage der Lotos-Bauern in Südostasien beiträgt.

Zuletzt geändert: 30.10.2021
Erstellt: 30.10.2021
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