Warum verlieren Zugvögel nicht die Orientierung?

Zweimal im Jahr legen Zugvögel Tausende von Flugkilometern zurück und überqueren dabei oftmals ganze Kontinente, ohne die Orientierung zu verlieren. Sie ziehen von ihren Brutgebieten zu den Winterquartieren und wieder zurück. Doch wie finden sie dabei ihren Weg?

Larve eines Aals.

Wie andere Zugvögel auch versammeln sich diese Schneegänse im Herbst zu grossen Scharen. Sie fliegen gemeinsam von ihren Brutgebieten in Kanada, Grönland und Sibirien in den Süden der USA, um in der Wärme den Winter zu verbringen – ohne dabei die Orientierung zu verlieren. Bild: Delmas Lehman/Shutterstock.com

Zugvögel brauchen weder GPS noch Wanderkarte

Ohne GPS und Google Earth wissen Störche, Schwalben und andere Zugvögel genau, wohin sie auf ihren Wanderungen fliegen müssen – sie sind echte Pfadfinder! Viele Vögel pendeln von ihrem Sommerquartier in Mitteleuropa nach Süden, um in wärmeren Gegenden den Winter zu verbringen. Im Frühling ziehen die Zugvögel dann wieder zurück zu ihren Brutgebieten. Schon bei ihrem ersten Flug zeigen viele junge Zugvögel eine beeindruckende Orientierungsgabe, von der wir Menschen nur träumen können. Ob, wann und wie lange ein Vogel zieht, ist genetisch festgelegt. Ihr Navigationssystem besitzen Zugvögel vermutlich schon von Geburt an. Man vermutet, dass die Tiere drei „Kompasse“ benutzen: den Sonnenstand, die Sterne und das Erdmagnetfeld.

Zugvögel in der „V-Formation“

Wenn die Zugvögel in der „V-Formation“ fliegen, befinden sich alle ausser dem ersten Vogel im Windschatten des Vordermanns – so sparen sie Energie, da der Luftwiderstand geringer ist. Bild: Ana de Sousa/Shutterstock

Der Sonnenkompass hilft am Tag...

Am Tag erkennen viele Zugvogelarten, zum Beispiel Stare, die Himmelsrichtungen am Stand der Sonne. Anders als wir können Vögel nämlich die Schwingungsrichtung (Polarisation) des Sonnenlichts sehen, deshalb wissen sie auch an bewölkten Tagen, wo sich die Sonne gerade befindet. Dazu benötigen Zugvögel auch ein „Zeitgefühl“, denn die Sonne bewegt sich ja im Laufe des Tages. Auch vermuten die Wissenschaftler, dass sich die Tiere auf ihrem Flug verschiedene Wegmarken (also zum Beispiel bestimmte Berge oder Flüsse) merken und so eine „innere Landkarte“ erstellen.

Mönchsgrasmücke Weibchen

Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla), Weibchen mit rotbrauner Kappe. Bild: Arnstein Rønning/Wikimedia, CC-Lizenz

... in der Nacht zeigen die Sterne den Weg...

Viele Zugvogelarten nutzen allerdings die Kühle der Nacht für ihre Wanderrouten und orientieren sich dann am Stand der Sterne. Wissenschaftler machten dazu interessante Versuche mit Grasmücken (einer Singvogelart) in einem Planetarium mit künstlichem Sternenhimmel. Wurde den Vögeln ein „Herbsthimmel“ gezeigt, so bevorzugten sie eine andere Flugrichtung als bei einem „Frühlingshimmel“. Die Grasmücken bestimmten ihre Zugrichtung also anhand der Sterne.

... und besonders hilfreich ist das Erdmagnetfeld!

Neben Sonne und Sterne hilft den Zugvögeln auch noch ein weiterer „Kompass“ bei der Orientierung: das Erdmagnetfeld. Die Tiere erkennen so nämlich, ob sie „polwärts“ oder „äquatorwärts“ fliegen. Doch was passiert, wenn die Vögel den Äquator überfliegen? Und „polwärts“ plötzlich Richtung Südpol und nicht wie bisher Richtung Nordpol bedeutet? Wie Wissenschaftler am Beispiel der Catharus-Drossel herausgefunden haben, benutzen die Zugvögel kurz vor Abflug die Richtung der Sonne, um ihren inneren Magnetkompass zu korrigieren. So finden sie immer ihren Weg zum Ziel.

Wo versteckt sich der Magnetsinn?

Aber wie können Zugvögel das Magnetfeld überhaupt „sehen“? Forscher sind sich da noch nicht ganz einig. Bei vielen Vogelarten dient das Auge als Magnetsensor: Wissenschaftler fanden heraus, dass Rotkehlchen in ihrem rechten Auge eine Art „magnetischen Kompass“ besitzen, der das Magnetfeld wahrnimmt. Allerdings wird vermutet, dass sich irgendwo noch ein weiterer Magnetsinn verbirgt, mit dem die Vögel eine „Magnetkarte“ in ihrem Gedächtnis anlegen. Wo genau sich dieser aber befindet, bleibt bis jetzt ein Geheimnis.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass Zugvögel wahre Meister der Orientierung sind, die Sonne, Sterne und Magnetfeld als Kompass für ihr Navigationssystem benutzen.

Mehr Infos über einen ganz speziellen Meister der Orientierung findest du im Artikel über Brieftauben.

Quellen:
Originalpublikation Magnetsinn
Originalpublikation Grasmücken

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