Technik & Materialien

Power-Smoothies für Kühe

Bild: Fabian Wahl

Fabian Wahl, Leiter eines Forschungsbereichs bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, tüftelt an Proteinen aus Luft und Sonne.

Technoscope: Sie erforschen, ob Mikroalgen im Kuhfutter das Soja ersetzen könnten. Was wäre der Vorteil?

Fabian Wahl: Ein Blick auf ein altes Foto zeigt das Problem: Als Agroscope 1901 gegründet wurde, lag das Berner Liebefeld mitten in Wiesen und Äckern. Heute ist es fast vollständig überbaut. In der ganzen Schweiz ist das Kulturland stark geschrumpft, während sich die Bevölkerung verdreifacht hat. Unsere Nahrung stammt aber weiterhin fast ausschliesslich von Pflanzen oder Tieren. Deshalb müssen wir uns fragen: Wie nutzen wir unsere knappen Landressourcen am sinnvollsten?

Wie lautet Ihre Antwort?

Um alle Menschen satt zu machen, sind Proteine entscheidend. Soja ist heute die beste Proteinpflanze. Unter idealen Bedingungen liefert ein Hektar Soja Protein für ca. 40 Menschen. Mit Mikroalgen können wir auf derselben Fläche Proteine für über 500 Menschen produzieren. Mikroorganismen sind um ein Vielfaches effizienter.

Warum nutzen wir sie nicht schon längst?

Bisher haben wir vor allem ihre negativen Seiten gesehen: krankmachende Bakterien oder böse Viren. Dabei sind Mikroorganismen die grösste und vielfältigste biologische Ressource der Erde. Heute verfügen wir über die Methoden, um sie gezielt zu nutzen.

Da kommt die Biotechnologie ins Spiel? 

Genau. Algen werden in sogenannten Photobioreaktoren gezüchtet – transparenten Röhren, durch die sie fliessen und mit Sonnenlicht und CO2 gefüttert werden. Mithilfe der Photosynthese machen sie daraus Proteine oder andere wichtige Nährstoffe. Gleichzeitig wird Kohlenstoff gebunden: Damit tragen solche Algengewächshäuser auch dazu bei, CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen.

Und das alles direkt auf dem Bauernhof?

Ja, Landwirte können ihr Kraftfutter so vor Ort herstellen. Für mich sind diese leuchtend grünen Röhren ein Symbol für eine grünere Landwirtschaft: Sie produzieren keine Abgase, benötigen weder Pestizide noch Fungizide, null Ackerland und deutlich weniger Wasser.

Wuscheliger als sein Geschwisterchen und mit sanftem Grünstich: Dem Kücken links scheint die Algendiät zu bekommen. Bild: Agroscope

In welcher Form kommen die Algen ins Viehfutter? 

Als flüssiges Proteinkonzentrat – sozusagen ein Power- Smoothie für Kühe. Aktuell testen wir auch bei Schweinen, Schafen und Hühnern, wie gut sich Algen als Sojaersatz eignen. Erste Ergebnisse zeigen, dass das Fleisch dieser Tiere bei gleichem Geschmack einen höheren Nährwert hat. Es enthält die Omega3-Fettsäuren, die wir sonst nur im Fisch finden. Kein Wunder: auch Fische fressen Algen.

Werden auch wir Menschen bald Algen auf dem Teller haben? 

Essen ist Teil unserer Kultur. Ich denke, dass wir in der Schweiz auch in 20 Jahren noch Käse, Eier und Fleisch essen werden. Wenn wir Milchkühe mit Mikroalgen statt mit Soja füttern, entschärfen wir jedoch die Konkurrenz um Ackerland zwischen Tierfutter und menschlicher Nahrung. Noch ist das alles Zukunftsmusik… Unser Ziel heisst «30 by 30». Bis 2030 sollen 30 Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz solche Algengewächshäuser haben.

Zuletzt geändert: 20.04.2026
Erstellt: 20.04.2026
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