Zahlen & Geschichte

Mauvein: Ein Farbstoff begründet einen neuen Industriezweig

Pigmentpulver und gefärbte Wollstränge in Farbtönen von Rosa über Violett bis Blau und Grün

Die ersten Teerfarben, brillante Schattierungen zwischen Violett und Smaragdgrün, aus der historischen Farbstoffsammlung der TU Dresden. Bild: Wikimedia Commons, CC0 1.0

Dank der Zufallsentdeckung eines jungen britischen Chemikers wurde die Mode des 19. Jahrhunderts auf einen Schlag farbiger – und es entstand ein Industriezweig, der zu unzähligen chemischen und pharmazeutischen Errungenschaften führen sollte.

Grosse industrielle Anlage

Anlage zur Steinkohlenteerdestillation. Bild: Rainer Knäpper, Free Art License

Keine Maschinen ohne Stahl, kein Stahl ohne Koks: Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert verlangte grosse Mengen von diesem Brennstoff, der in den Hochöfen für die Eisenverhüttung tonnenweise als Reduktionsmittel benötigt wurde. Hergestellt wurde Koks aus Steinkohle, und als Nebenprodukt fiel dabei eine schwarze, klebrige Masse an, der sogenannte Steinkohlenteer.

Für die Stahlindustrie war Steinkohlenteer nicht von Nutzen, doch Chemiker interessierten sich für das Gemisch aus Tausenden von verschiedenen Kohlenwasserstoffen, darunter viele aromatische Moleküle. Aromatische Moleküle sind aus Ringen aufgebaut, in denen die Atome durch eine besondere Art von Bindung zusammengehalten werden, und viele von ihnen haben einen charakteristischen Geruch – daher der Name. Es war bekannt, dass sich aus Aromaten wichtige chemische Substanzen herstellen lassen. Doch die Entdeckung eines jungen Chemiestudenten namens William Perkin führte zu einer Entwicklung, die so niemand vorausgesehen hatte.

Der Grundstein für die chemische Industrie

William Perkin war 1856 Student am Royal College of Chemistry in London und suchte nach Wegen zur Synthese von Chinin, das als Malariamedikament gefragt war. Er arbeitete dazu mit Anilin und anderen Verbindungen aus Steinkohlenteer. Die Chinin-Herstellung gelang Perkin zwar nicht; stattdessen resultierte eines seiner Experimente in einem schwarz-violetten Pulver, das sich in Alkohol auflösen liess. Mit der Flüssigkeit konnte er Stoff intensiv violett einfärben. Perkin erkannte rasch das Potential dieses Farbstoffes: Purpur war jahrhundertelang einer der teuersten Farbstoffe der Welt gewesen, gewonnen aus dem Drüsensekret von Purpurschnecken – und nun hatte er eine Methode gefunden, diesen Farbton chemisch herzustellen!

Handgeschriebene Karte mit der chemischen Formel von Mauvein und einer violetten Farbstoffprobe

Historische Karte mit der chemischen Formel und einer Farbstoffprobe von Mauvein. Bild: Wikimedia Commons, CC0 1.0

Mit gerade einmal 18 Jahren gründete er eine Fabrik zur Produktion des violetten Farbstoffs, der später Mauvein genannt wurde. Es wurde zur Modefarbe der 1860er Jahre, und bald folgten weitere neue, brillante „Teerfarben“. Gleichzeitig legten die Innovationen der Farbstoffindustrie den Grundstein für zahlreiche spätere chemische und pharmazeutische Entwicklungen.

William Perkin blieb auch als Fabrikbesitzer im Grunde seines Herzens ein Forscher und beschäftigte sich weiterhin mit organischen Synthesen, was ihm mehrere Patente einbrachte. Nach knapp 20 Jahren verkaufte er seine florierende Fabrik und zog sich als Unternehmer zurück, bekleidete aber weiterhin verschiedene Ämter in chemischen Gesellschaften und wurde für seine Arbeiten mehrfach mit Medaillen ausgezeichnet.

„Teerfarben“ gibt es heute noch

Mauvein hat heutzutage keine Bedeutung mehr als Farbstoff. Steinkohlenteer ist jedoch immer noch Grundstoff für zahlreiche Chemikalien, die in verschiedenen Industriesparten verwendet werden. Darunter ist beispielsweise Carbazol, das in kleinsten Mengen vielen schwarzen Autolacken beigemischt wird, um für Farbtiefe zu sorgen. Ausserdem ist Carbazol der Ausgangsstoff für die Markenfarbe von Milka mit seiner bekannten lila Kuh: das Pigment Violett 23.

Erstellt: 07.11.2022
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