Zahlen & Geschichte

Saccharin, der erste synthetische Süssstoff

Grosspackung von Schachteln mit Saccharintabletten, in deutscher Frakturschrift beschriftet

Saccharin wurde um 1920 in Tablettenform verwendet – hier eine Grosspackung mit Schachteln für den Haushaltgebrauch. Bild: Wikimedia Commons

Saccharin wurde 1878 erstmals beschrieben – und zwar als Produkt einer Versuchsreihe mit Steinkohlenteer. Gesucht hatte man danach nicht, und dass man aus dem schwarzen, klebrigen und unangenehm riechenden Teer ein Süssungsmittel herstellen konnte, war doch eher unerwartet!

Vom Zufall in der Wissenschaft

Serendipity: Das englische Wort für die „glückliche Fügung“ drückt aus, was in der Forschung manchmal eine grosse Rolle spielt – der völlig ungeplante „Aha“-Moment im Labor! In dieser Artikelserie geht es um bahnbrechende Erfindungen und Erkenntnisse, die wir im Grunde Zufällen oder Missgeschicken zu verdanken haben.

Mauvein: Ein Farbstoff begründet einen neuen Industriezweig | Zelluloid, ein Zufall und die Erfindung der Panzerglasscheibe

Ein wichtiger Grundstoff für die Herstellung chemischer Substanzen war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Steinkohlenteer. Steinkohlenteer war und ist ein Nebenprodukt der Verkokung von Steinkohle zu Koks für die Hochöfen der Stahlindustrie. Viele der Bestandteile von Steinkohlenteer, meist aromatische Verbindungen, sind giftig, umweltschädlich und krebserregend. Sie sind jedoch auch Ausgangsstoffe für die Synthese zahlreicher komplexerer Substanzen, die wir im Alltag verwenden: Farbstoffe, Lacke, Kunstfasern und Wirkstoffe von Medikamenten, um nur einige zu nennen.

Nichts aus dem Labor in den Mund nehmen! Da war man nicht immer so strikt …

Auch das erste künstliche Süssungsmittel verdanken wir … einer chemischen Versuchsreihe mit Produkten aus Steinkohlenteer! Es war der Chemiker Constantin Fahlberg, der 1878 im Labor von Ira Remsen an der Johns Hopkins University arbeitete und eines Tages eine unerwartete Beobachtung machte: Beim Abendessen schmeckte sein Brot süsslich. Er bemerkte bald, dass der Grund dafür ein chemischer Rückstand auf seinen Händen und Armen war – offensichtlich hatte das übliche Händewaschen nicht ausgereicht, um alle Spuren der Laborarbeit von seiner Haut zu entfernen!

Ein kleiner Haufen einer weissen, kristallinen Substanz auf heller Oberfläche

Saccharin-Natriumsalz ist ein weisses, kristallines Pulver. Bild: Rillke/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Fahlberg kehrte ins Labor zurück und tat, was keine Chemielehrerin heutzutage zulassen dürfte: Er probierte sich durch alle Gefässe durch, die noch Flüssigkeitsreste von den Experimenten des Tages enthielten. Tatsächlich fand er eine Substanz, die äusserst süss schmeckte, und sein Interesse war geweckt. Gemeinsam mit Professor Remsen publizierte er die Entdeckung des ungewöhnlichen Stoffes – wissenschaftlich „Benzoesäuresulfimid“ – und machte sich in den folgenden Jahren daran, ihn genauer zu charakterisieren.

„Teerzucker“ als Gefahr für europäischen Rübenzucker?

Es stellte sich heraus, dass der nun „Saccharin“ genannte Süssstoff für Mensch und Tier verträglich war und als Lebensmittel-Zusatzstoff vermarktet werden konnte: Das erste Süssungsmittel für Diabetiker war erfunden! Fahlberg gründete eine Saccharin-Fabrik in Deutschland und war mit der Produktion seines Süssstoffs sehr erfolgreich. Saccharin hat eine stärkere Süsskraft als Zucker aus Zuckerrüben, so dass die Produzenten von Rübenzucker zu befürchten begannen, ihr Produkt könnte in der Lebensmittelindustrie bald durch den billigeren Zuckeraustauschstoff ersetzt werden. Die Zucker-Lobby war politisch so mächtig, dass der freie Verkauf von Saccharin in den Jahren um 1900 herum in fast allen europäischen Ländern verboten wurde. Nur in Apotheken war der Süssstoff noch auf Rezept erhältlich, zum Beispiel für Diabetiker.

Von der Schmuggelware zum Alltagsgut

In der Schweiz war die Situation aus steuertechnischen und gesetzlichen Gründen anders, hier wurde Saccharin legal hergestellt und in die USA sowie Japan exportiert. Daneben florierte der illegale Schmuggel in die europäischen Nachbarländer. Aus heutiger Sicht ist die Vorstellung absurd: Heroin und Kokain waren um die vorletzte Jahrhundertwende fast in jeder Apotheke erhältlich, der Süssstoff Saccharin hingegen wurde von erfinderischen Dealern auf alle erdenklichen Arten heimlich über die Grenze gebracht. Nicht nur in Säckchen, die in der Unterwäsche versteckt wurden, sondern auch in Särgen, Autoreifen oder sogar eingegossen in geweihten Kerzen wurde das weisse Pulver transportiert!  

Rückseite einer Zahnpastatube, Zahnbürstenkopf

Saccharinhaltige Zahnpasta.

Heute kennen wir eine ganze Palette von Süssstoffen, die zwar süss schmecken, aber keine Kalorien haben und Kariesbakterien keine Nahrung bieten. Sie werden deshalb zur Süssung von Diätlebensmitteln und zahnschonenden Kaugummis oder Lutschtabletten verwendet und sind durch das Lebensmittelgesetz reglementiert. Saccharin hat in höheren Konzentrationen einen bitteren bis metallischen Nachgeschmack. Es wird deshalb oft im Verhältnis 1:10 mit Cyclamat gemischt (dessen süsser Geschmack übrigens ebenfalls durch Zufall von einem Chemiker im Labor entdeckt wurde!), da die geschmacklichen Eigenschaften dieser Mischung besser sind als diejenigen der reinen Süssstoffe.

Erstellt: 28.11.2022
Mehr